„Sie sind sehr klug, Nicolai Wassiljewitsch. Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Man bewundert Sie. Aber vielleicht sind Sie jetzt zu klug. Sie denken zu viel!“
Nicolai Schjelting scheuchte mit dem Fuß eine Taube, die vor ihm auf dem Pflaster Körner pickte.
„Da fliegt das Sinnbild unseres Glaubens!“ sagte er. „Der Heilige Geist. Ihn suche ich!“
„Nun...“
„Es geht nicht ohne ihn. Nicht ohne den Heiligen Geist. Das ward mir klar.“
„Nun — diese Stadt hier ist voll von Balten, Fürsten, Garde. Das ist nicht echte russische Luft. Das echte, das heilige Rußland, unser Rußland, liegt dort draußen vor dem Feind...“
„Das hoffe ich...“
„Ich bin im Begriff, an die Front zu fahren und unseren Freund aus Moskau, den General Schiraj, zu begrüßen. Kommen Sie mit? Da wird sich Ihnen die weite russische Seele offenbaren!“
Die heilige russische Erde, aus der diese Soldaten selbst geformt zu sein schienen, die da drüben in ihrer seltsamen, halblauten, fatalistischen Ruhe den Bahnhof erfüllten, diese Muschiks in Waffen und die vielen Millionen ihrer Brüder, in ihrer erdfahlen Uniform, ihren erdfarbenen Bärten, ihren erdbraun gebrannten Gesichtern. Schjelting atmete etwas hoffnungsvoller auf und stieg ein. Der russische Infanteriehauptmann, der ihm und Morskoi im Auto gegenübersaß, zeigte auch eine jener fünf, sechs Massentypen, mit denen die russische Natur ihre sonst nicht zu bewältigenden Menschenmengen roh und oberflächlich abstempelte und schied. Er hatte eine kleine, knollige Nase, kleine tiefliegende Augen, war klein von Wuchs. Er lächelte fortwährend. Warum? Schjelting reizte das. Er frug schließlich:
„Wir fahren schon durch das dritte verbrannte Dorf. Nichts blieb, außer dem Kriegerdenkmal. Ist es überall so?“