„Und doch hat auch er vielleicht Junge im Nest, denen er Futter zutragen wollte,“ sagte endlich wie in Beantwortung seiner eigenen Gedanken der junge Gelehrte. „Krieg ist das Losungswort der Tierwelt, eine Gattung immer die Bekämpferin der anderen. — Jetzt aber wollen wir, als die vornehmsten, mit den stärksten Waffen versehenen Räuber, doch dem alten Herrn da den Garaus machen. Der Tiger hat uns bestens vorgearbeitet.“
Er zielte nochmals, und die schwere Kugel drang dem Elefanten in das Auge, um ihn auf der Stelle zu töten. Die Erde dröhnte, als er fiel.
„Ah! — die beiden Stoßzähne hätten wir sicher.“
Holm wollte sogleich aus dem Versteck hervortreten und sich seiner Beute bemächtigen, aber der Matrose warnte ihn vor der bekannten Hinterlist der Elefanten, weshalb er wartete, bis sich die großen Tiere, erschreckt durch mehrere ihnen zugesandte Schüsse, endlich entfernt hatten. Die Walstatt selbst bot einen furchtbaren Anblick. Überall war die Erde fußtief aufgewühlt, Lachen von gerinnendem Blut füllten die tieferen Stellen, Gebüsche und schwächere Baumstämme lagen zertreten, Ranken zerrissen und Blumen geknickt. Dazwischen die zermalmten Tierleichen, — so fanden Holm und Franz das Gesamtbild, als sie mit den anderen kamen, um die Stoßzähne des großen Elefanten herauszubrechen. Das Handbeil des Matrosen leistete dabei die besten Dienste, es gelang über alles Erwarten gut, und schon waren die Jäger im Begriff, den Rückweg zu ihren Zelten anzutreten, als von einiger Entfernung her ein leises Wimmern oder Pfeifen die nächtliche Stille durchdrang. Es hörte sich an, als weine ein kleines eigensinniges Kind, oder wie Katzengeschrei.
Alle horchten. Da klang es nochmals. Ein größeres Tier konnte es unmöglich sein.
Die ganze Gesellschaft ging dem Schall nach. Im Widerspruch mit den Gewohnheiten wilder Geschöpfe verstärkte sich bei dem Näherkommen der Männer das Wimmern, es tönte deutlicher und immer deutlicher, bis zuletzt Franz als der erste im Zuge seitwärts vom Wege ein Nest aus dürren Halmen entdeckte und darin zwei junge Tiger, die, kaum größer als Ratten, vielleicht erst seit dem gestrigen Tage lebten und sich ängstlich verkrochen, als der Knabe in ihren Schlupfwinkel sah. Bei der ersten Berührung versuchten die zahnlosen Mäulchen zu beißen.
„Richtig so wie ich mir dachte,“ nickte Holm. „Die säugende Mutter hat es, vom Hunger getrieben, gewagt, das Elefantenkalb inmitten seiner Herde anzugreifen und ist dabei der Übermacht erlegen. Was fangen wir an mit diesen kleinen Schreihälsen?“
„Totschlagen!“ entschied der Doktor. „Sie können dann keinesfalls mehr schaden.“
„Es ist auch barmherziger, sie auf einen Schlag zu töten als dem langsamen Verhungern auszusetzen,“ meinte der gutmütige Hans.
„Ich will euch etwas sagen,“ rief Franz. „Morgen müssen uns doch höchstwahrscheinlich Eingeborne begegnen, denen zeigen wir das Nest. Halberwachsene Tiger werden von den Hamburger und Londoner Tierhändlern bis zu tausend Thalern bezahlt.“