„Aber wenn uns ein Löwe begegnet!“ rief Hans, dem doch in so weiter Entfernung von der Küste etwas zaghaft zu Sinn wurde. „Dann sind wir alle verloren.“

„Löwen gibt es im äquatorialen Afrika nicht, Hänschen. Nur rechts und links von diesem mittleren Erdgürtel werden sie angetroffen, — in Sierra Leone sehen wir vielleicht späterhin den König der Tiere.“

Man schritt vorwärts, bis plötzlich ein Ausruf des Erstaunens die Schritte hemmte. Vor den Reisenden erhob sich ein Baum von sonderbarem Aussehen. Kein grünes Blatt war zu bemerken, keine Frucht und in den Zweigen nicht das mindeste Leben. Wie mit schwarzgrauen, starren Klumpen bedeckt, stand der Riese inmitten seiner grünenden, farbenprangenden Umgebung da.

Der Dolmetscher nahm das Gewehr und feuerte mitten in die anscheinend kahlen Äste hinein. Was nun folgte, läßt sich kaum beschreiben. Tausende und abertausende von Fledermäusen schwirrten empor, etliche fielen tot oder verwundet auf den Boden, die Luft schien im Augenblick beinahe verfinstert von all diesen Flügelschlägen, und als sich die unheimliche Sippschaft entfernte, da stand der Baum völlig abgestorben da. Die Knaben sammelten einige der verendeten Fledermäuse, aber Holm wollte kein Exemplar ausstopfen. „Es ist die gewöhnliche Art,“ sagte er, „nur hier etwas größer wie bei uns im Norden. Wir werden für das Museum zu Hause in Hamburg schon noch einen echten Vampyr auftreiben.“

Man ging weiter und blieb bald hier stehen, bald dort. Von einem Zweige, der unvorsichtig berührt wurde, fielen prachtvolle, purpurrote Blüten, fein wie Haare, auf den Hals und das Gesicht des jüngeren Knaben herab. Hans schrie, als werde er gespießt. „Ich verbrenne! ich verbrenne!“

Das waren Dolichesranken, ein wundervoller Baumschmuck, so farbenreich wie wenige andere, aber auch eben so heimtückisch als schön. Die getroffenen Hautstellen schwollen an wie von der Berührung unserer Brennessel und empfanden dabei ein quälendes, schmerzendes Jucken, dem indessen die Neger einigermaßen abzuhelfen wußten. Sie zerquetschten eine breitblätterige, hellgrüne Pflanze und legten die Masse auf Hände und Nacken des Knaben, der denn auch mannhaft den Schmerz verbiß und sogar mit dem Taschentuch eine Ranke des verräterischen Gewächses behutsam pflückte und in die Trommel legte, nachdem er sie für sich in festes, dünnes Papier eingewickelt hatte, damit ihre Brennhaare sich nicht unter die noch zu sammelnden Pflanzen mischten.

Franz hatte während dieser Zeit einige große, prachtvolle Schmetterlinge eingefangen, die er in viereckige Schachteln that, jetzt hielt er zwischen den Fingern einen rotbraunen Käfer von etwa anderthalb Zentimeter Länge. Das kleine Geschöpf hatte hinten am Körper ein paar respektable Kneipzangen und strampelte außerordentlich, um seine Freiheit wieder zu gewinnen. „Karl,“ rief er, „wie heißt der Bursche?“

Einer der Neger hatte das Tier gesehen. Sein durchdringender Schreckensruf lockte die anderen herbei und veranlaßte sie zu gleichen Äußerungen des Entsetzens. Die kindische, unselbständige, ratlose Natur der schwarzen Menschenrasse trat blitzschnell zu Tage, indem einer der Neger hierhin sprang, der andere dorthin, aber alle sinnlos, zitternd, wie aufgeschreckte Schafe, wenn der Wolf in die Hürde eingebrochen ist. „Baschikuays!“ schrien sie jämmerlich lamentierend und heulend, „Baschikuays!“

Franz hatte im ersten Schrecken den für giftig gehaltenen Käfer fallen lassen, Holm aber suchte ihn wieder auf und schien nun selbst etwas bedenklich auszusehen. „Ein Heerwurm!“ rief er, „aber möglicherweise war das Tier versprengt.“

Der Dolmetscher schüttelte den Kopf. „Das kommt bei den Baschikuays nie vor, Sir! Der Heerwurm ist in der Nähe, und wenn er zufällig auf seiner Wanderung einen Kreis beschreibt, so sind wir verloren.“