„Was wollen Sie denn mit Ihrem Gefangenen machen, Mr. Thompson?“ fragte der Doktor. „Ich hoffe, daß Ihnen blutige Wiedervergeltungspläne fernliegen.“
Der Squatter lüftete den breitkrempigen Strohhut. „Ich will dem Schlingel nichts zuleide thun, Ehrwürden,“ lächelte er, „die Glieder schmerzen ihn ohnehin noch acht Tage, und die Wut erstickt ihn beinahe.“ Er sprang vom Pferd und warf den gebundenen Neger wie einen Packen in das hohe, weiche Gras, dann durchschnitt er die Stricke, welche Arme und Füße umwunden hielten. „So, nun lauf, du Spitzbube und grüße deine schwarzen Gesellen. Der weiße Mann sei doch noch klüger als sie.“
Während sich der Neger unter dem lauten Lachen aller Anwesenden mit den krampfhaftesten Verrenkungen aus seiner Decke hervorschälte, hatte der Squatter das Pferd wieder bestiegen und die ganze kleine Gesellschaft setzte in langsamerer Gangart den Weg durch die Ebene weiter fort. Zur Linken rauschte in einiger Entfernung das Meer, ein kalter Wind strich über die Klippen dahin und zuweilen war das lächelnde Mondgesicht derartig unter Wolken versteckt, daß tiefe Finsternis die ganze Umgebung beherrschte. Nur im Schritt konnte dann die Bahn verfolgt werden; jetzt, nachdem die nervöse Spannung der letzten Stunden nachgelassen, fühlten alle Reiter die natürliche Ermüdung des tagelangen und noch dazu unter den härtesten Entbehrungen zurückgelegten Weges; auch die Pferde schnauften und schüttelten die Köpfe in zunehmender Ungeduld. Nur an einer einzigen unbedeutenden Quelle war man seit heute früh vorübergekommen, nur einmal hatten Menschen und Tiere trinken können; das machte sich jetzt immer quälender bemerkbar.
Noch eine halbe Stunde wurde schweigend die Reise fortgesetzt, dann riet Thompson zu einer kleinen Rast, die den Tieren durchaus notwendig sei. Für die Menschen gab es nichts zu beißen und zu brechen, die Pferde dagegen fanden wenigstens Gras in Hülle und Fülle, so daß ihnen die Entbehrung des Trinkwassers etwas erleichtert wurde. Bald ging es wieder vorwärts, — wohin, das wußte keiner unter ihnen.
Vielleicht hatte ja Heu-Heu eine Fabel berichtet, als er von der am Meer gelegenen Kolonie der Weißen sprach, — vielleicht wohnte hier herum ein anderer Negerstamm, und die kaum überwundene Gefahr begann von neuem.
Wie bei einem Leichengefolge so ritten langsam und schweigend die fünfzehn Männer hinter einander durch die Einöde; keiner konnte sich der schlimmsten Befürchtungen entschlagen; es gab keinen, der nicht Kopfschmerz und Ermattung fühlte, alle Stirnen brannten, über den Rücken jedes einzelnen lief es unnatürlich kalt herab, fast wie beginnender Fieberfrost.
Und dennoch mußten sie vorwärts, keiner durfte zurückbleiben, niemand den Mut verlieren. Vor ihnen lag eine weite Ebene, nirgendwo ein Baum, der Früchte lieferte oder nur erquickenden Schatten spendete. Der letzte Zwieback war gegessen, der Hunger meldete sich ungestüm. Die Männer schwiegen wie in dumpfer Verzweiflung, und die Knaben, ihrem Beispiele folgend, äußerten keinerlei Klage, obgleich ihnen jeder ansehen konnte, wie sehr sie litten.
Hans atmete fieberhaft. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, die Lippen waren trocken und heiß. „Nur Mut, mein armer Junge,“ suchte Holm ihn zu trösten. „Werde mir nur nicht krank. Mit Gottes Hilfe werden wir auch diese Prüfung überstehen.“
„Es klingt mir so seltsam vor den Ohren,“ flüsterte Hans, „wie ferne Musik und dazwischen ist mir, als hörte ich die Stimme meiner Mutter, ich habe sie sogar deutlich gesehen, wie sie mir ein Glas Wasser reichte und ein großes Butterbrot. Als ich zugreifen wollte, war sie aber verschwunden.“
Holm blickte den Knaben ängstlich an. „Er ist kränker vor Hunger und Durst als ich dachte,“ sagte er zu sich selbst, „denn er sieht schon die Traumerscheinungen, welche das langsame Verschmachten zu begleiten pflegen. Naht sich denn keine Rettung?“