Ganze Berge von Wasser hoben und drehten das Schiff, Schaumwolken verhüllten alle Aussicht, das Getöse des Anpralls betäubte förmlich. Die kleine Gruppe stand, sich an dem stark befestigten Speisetisch haltend, bei einander im Salon, dessen verglaste Decke einen freien Aufblick ermöglichte. Grünlich und violett zuckte es herab, sturmgepeitscht, von Flammen überall umgeben, als ob Erde und Himmel in Brand geraten, so loderten die Gluten.
Zuweilen lag das Schiff dermaßen auf einer Seite, daß es den Anschein hatte, als ob Sofas und Bilder an den Wänden über den Köpfen schwebten, — einer sah den anderen an, die Herzschläge setzten aus, die Gedanken traten als ein „Gott erbarme sich!“ unwillkürlich auf die Lippen, — und dann ging es wie ein Knarren, ein Ächzen durch das Eisenwerk, langsam kehrte der kräftige Bau zum gewohnten Halt zurück, nochmals hatte des Todes Flügelschlag nur gestreift, aber nicht getroffen.
„Sonderbar,“ flüsterte Franz, „ich habe doch bei den Gallinas und wohl auch während unseres Nachtaufenthaltes im unbeschützten Walde der Vernichtung Aug’ im Auge gegenübergestanden, ganz wie jetzt, aber die Ruhe, welche ich trotz dieser Gefahr empfinde, fehlte damals, — woher doch der auffallende Unterschied?“
Der alte Theologe legte die Hand auf seines Zöglings Schulter, „Das ist die Ehrfurcht, welche ein gewaltiges, erschütterndes Ereignis dem Menschenherzen abnötigt, mein Junge, das ist die Unthätigkeit, wozu wir angesichts der Gefahr verurteilt sind, die uns ganz wehrlos in Gottes Hand legt. Du vertraust nicht mehr auf dich, also fühlst du auch keine Unruhe, — das ist das Geheimnis alles wahren Glaubens!“
Es wurde still in der reichgeschmückten Kajütte; niemand sprach mehr, nur die Stimme des Donners klang über das Wasser dahin, und der Sturm brauste wie Orgelklang dazwischen. Oben auf dem Verdeck arbeiteten die wackeren Hamburgischen Matrosen, deren eigene Sachkenntnis sie die Blicke und Bewegungen des Kapitäns verstehen zu lassen schien; wenigstens hätte keine menschliche Kraft ausgereicht, um in solchem Wetter vernehmlich zu sprechen, geschweige denn bestimmte Befehle zu geben. Einer der Schornsteine war verbogen wie ein geknickter Halm, ein Notmast über Bord gegangen, und von der Mannschaft fehlten zwei. Die beiden Thüren der Kombüse, einander gegenüberliegend, waren herausgerissen und sämtlicher Inhalt des kleinen Raumes ins Meer gespült, kurz auf jedem Zollbreit Bodens zeigten sich die Spuren einer grauenvollen Verwüstung, eines Kampfes, dem nichts gewachsen war, was überhaupt losgerissen oder zerschlagen werden konnte.
Wieder trafen sich die Blicke des Kapitäns und des alten Steuermannes. Witt nickte, worauf sein Vorgesetzter in die Kajütte hinabging. „Gewonnen!“ rief er, „obwohl es schwere Opfer gekostet hat. Jetzt ist die äußerste Grenze erreicht, der grimmige Feind muß uns seine Kraft dienstbar machen und die „Hammonia“ mit verdoppelter Eile nach den Inseln im Guinea-Busen befördern.“
Holm versuchte es, dem Kapitän näher zu treten, wurde aber sogleich, nachdem er den schützenden Halt losgelassen, unsanft auf den Fußboden gesetzt und unter das Sofa gerollt. „Ein Cyklonenritt, nicht wahr?“ fragte er von dort her.
Jetzt lachten alle. „Ein Cyklonenritt!“ wiederholte der Kapitän. „Woher wissen denn Sie eingefleischte Landratte, der Sie nicht einmal „Seebeine“ besitzen, was das Ding bedeuten will?“
Holm hatte sich mittlerweile wieder aufgerichtet. „Belehren Sie uns,“ sagte er artig. „Sie haben die Sache praktisch kennen gelernt, ich habe sie studiert; einer kann also das Wissen des anderen ergänzen.“
„Demnächst, mein Freund. Jetzt kommen Sie mit mir an Deck, immer hübsch im Schutz eines niet- und nagelfesten Gegenstandes, und sehen Sie sich das Schauspiel im weiteren Umkreise an. Noch ein Viertelstündchen, dann hat es ausgetobt, der Himmel wird wieder im Sonnenglanz leuchten und nur ein starker, regelmäßiger Wind, dessen kreisförmige Richtung uns jetzt nicht mehr schaden kann, das Schiff wie im Fluge vor sich her treiben. Folgen Sie mir, meine Herren!“