„Gibt es denn hier keine Dörfer?“ fragte Bolten den finster blickenden spanischen Führer. „Wird kein Feldbau betrieben?“

„Nichts!“ war die Antwort. „In diesem Klima arbeitet niemand.“

„Ein trauriges Paradies!“ setzte Holm hinzu. „Aber horch, ich glaube, es kommt jemand durch den Wald.“

„Das ist wohl möglich. Die Aniyas streifen überall herum und suchen Beeren.“

Wirklich erschien auch in diesem Augenblick die Gestalt eines Greises, der mit dem Weidenkorb am Arm Schwämme sammelte. Auf einen langen Stab gestützt, bot der Alte einen ebenso seltsamen als bedauernswerten Anblick. Ganz nackt, ohne jegliche Spur von Bekleidung, trug er auf dem Kopf ein korbartiges Gestell aus Weidengeflecht, über welches die grauen Haare nach allen Seiten hin künstlich zusammengedreht waren. Nadeln von Affenknochen, kranzartig gesteckt, hielten den Bau, und Schnüre von kleinen gelben Okerkugeln schlangen sich hindurch. Am Oberarm hatte der Mann ein hölzernes Stäbchen mit mehreren Schnüren befestigt, sonst war nicht einmal zum Schutz der nackten Füße irgend eine Vorrichtung getroffen, außerdem aber auch die Haut des ganzen Körpers mit einer Art Aussatz bedeckt.

Die Jammergestalt wollte schleunigst flüchten, aber auf Holms Wink ersuchte ihn der Führer noch zu bleiben und den Herren zu antworten. „Es soll dir kein Leides geschehen, Graukopf,“ setzte er hinzu, „komm und sprich dreist.“

Der Wilde trat näher und bot den Fremden seine Schwämme. „Die Aniyas sind arm,“ sagte er, „sie können den Weißen keine Gastfreundschaft darbringen; ihre Wohnungen bestehen aus einem Mooslager in der Felsenspalte und ihre Nahrung aus Waldfrüchten.“

Die wohlduftende Gabe wurde dankbar angenommen und dafür der Korb des Wilden mit Geschenken aller Art angefüllt. Holm fragte den Führer nach dem Grunde dieser auffallenden, fast nirgends mehr gefundenen gänzlichen Nacktheit und erhielt zur Antwort, daß kein Eingeborner von Fernando Po jemals ein Kleidungsstück an sich dulden würde; vielfache Versuche in dieser Richtung seien bereits fehlgeschlagen, dagegen verwende man auf die Herstellung des Kopfschmuckes alle mögliche Sorgfalt. „Die Aniyas sind ein melancholisches Volk,“ setzte er hinzu. „Der fortwährenden, hier heimischen Hautkrankheiten wegen glauben sie unter einem Banne zu stehen. Aber der Alte soll selbst erzählen.“

Und dann nach kurzer Rücksprache berichtete der Wilde folgende Thatsachen, die auf Fernando Po wie eine Art geschichtliche Überlieferung sowie eine Glaubenslehre gelten. „Die ersten Menschen lebten gesund und glücklich,“ hieß es, „denn sie kannten noch nicht die Wohnung des großen Geistes, sie hatten noch nicht seinen Zorn herausgefordert und das Mißgeschick über ihre Häupter herabgerufen. Schwämme und Beeren, Wurzeln und Früchte boten die Wälder, die See lieferte Fische und Muscheln, die Kinder meines Volkes wußten nichts von Krankheit oder Hunger. Da verleiteten die bösen Mächte, die in den finsteren Erdtiefen wohnen, einstmals einen der Aniya-Jäger, einem voraneilenden Affen über Felsspalten und durch verworrene Schluchten zu folgen, bis endlich ein grauenvolles, nur von zuckenden Blitzen erhelltes Thal sich vor ihm aufthat. Der Affe verschwand plötzlich, der Weg wurde enger und enger, sonderbares, unbekanntes Getier flog und kroch über die Felsspitzen, und aus dem Winkel hervor trat ein Riese von übermenschlicher Größe mit schweren Waffen und einer furchterregenden Stimme. ‚Was vermissest du dich, mein Reich zu betreten, vorwitziger Mann!‘ rief er. ‚Das sollst du mit dem Leben bezahlen.‘“

„Der Aniya-Jäger, welcher nicht wußte, daß der große Geist in Gestalt eines Riesen vor ihm stand, bereitete sich zum Kampfe. Im Anfang des Ringens schien es, als ob der Bewohner der Höhle siegen werde, dann aber traf ihn ein Schlag von dem Jagdspeer des anderen und streckte ihn zu Boden. Er sah zu seiner Rettung nur noch einen Ausweg, nämlich den der List. ‚Ich bin mächtig,‘ begann er, ‚viel mächtiger als du glaubst, Mensch, ich kann alle deine Wünsche erfüllen. Wähle dir, was du zu besitzen verlangst, aber laß mich frei!‘