Die da nach wenigen Augenblicken mit Licht erschienen, fanden auf der Thürschwelle die in sich zusammengesunkene Gestalt des Negermädchens und neben ihr das verlorene Kind Neddie, das den schwarzen Kopf des Mädchens aufzurichten suchte und in dem gekannten tiefen Klageton sein »Jinnie, Jinnie« rief.
Von der Bewegung, die noch in der Nacht in den Straßen entstand, wußten die guten Nachbarn noch lange zu erzählen.
Ob man wohl glauben könnte, daß ein Neger – und noch dazu ein Lied – ein sentimentales Lied, das dem Knaben beim Einschläfern vorgesungen worden war, ihn gelockt – es war seltsam.
»Verlange nicht von mir, daß ich dir meine Gefühle schildere,« bat Frau Martha Terris am Frühstückstisch ihren Gatten, indem sie mit energischem Schlag ihre Rechte auf den Tisch niederklappte – »verlange das nicht! Ich werde, solange ich lebe, den Nigger nicht ansehen können, ohne versucht zu sein, ihr eine Verbeugung zu machen, und daß du's nur weißt, ich bin mir noch gar nicht sicher, ob ich nicht direkt hinübergehe und dem schwarzen Ding einen herzhaften Kuß gebe; denn – du merkst wohl, Terris, daß ich mit dir rede.« Herr Terris glaubte so etwas bemerkt zu haben. Seine Wohlerzogenheit als Ehegatte verbot ihm, der schwatzhaften kleinen Dame seine Ansicht über ihr menschenfreundliches Vorhaben kund zu thun. Er begnügte sich damit, einen verständnisinnigen Blick auf das vis-à-vis gelegene Haus zu werfen, und verkroch sich eiligst wieder hinter seine Zeitung, als Frau Terris mit einem entzückten kleinen Schrei auf das Fenster zuflog.
»Da ist der Junge! Sieh ihn dir an! Du kannst noch so eigensinnig das Gegenteil behaupten, ich erkläre dir, daß es kein hübsches Kind ist. Die Nase ist platt. Wenn ich dagegen unsere Mary Ann, – da ist das Mädchen Jinnie und der Junge küßt sie. Nichts auf der Welt wird mich jemals veranlassen, das Mädchen wie ein irdisches Wesen zu betrachten, denn wenn das Fenster da drüben leer geblieben wäre – nachdem ich es war, die den Jungen – du kannst versichert sein, Talbot, daß es mein Tod gewesen wäre – thatsächlich mein« –
Der Satz wurde nicht vollendet. Frau Terris Aufmerksamkeit wurde auf das Thompsonsche Fenster gelenkt, aus dem sich der blonde Krauskopf des besprochenen Kindes herausbog und sich lebhaft nickend hin- und herbewegte.
»Ich glaube gar – es spricht zu mir!« Frau Terris geriet über die besondere Auszeichnung fast in Verlegenheit. Des Kindes Stimme tönte freudig erregt zu ihr hinüber.
»Meine Jinnie wieder da!« meldete der rote Mund beglückt eifrig, und Frau Terris grüßte ganz gerührt zu den gelben Locken herüber und nickte – eine Thräne im Auge mit einem kräftig gesprochenen »God bless her« dem Thompson Jungen zu – dann warf sie sich – wie um eine verräterische Rührung zu unterdrücken, ihrem Manne entgegen:
»Ich bin glücklich, daß der abscheuliche Junge wieder da ist, Talbot – wenn ich bedenke, daß unsere kleine Mary Ann – ich war es ja doch, die ihn« – hier geriet die tapfere Frauenstimme ins Wanken und von dem Rockärmel des männlichen Terris kamen abgerissen die Worte – »ich – ich – o Talbot – ich bin so froh.«