Wenn man unseren gegenwärtigen Schulplan und damit die Anforderungen, die an die Kinder gestellt werden, recht ins Auge faßt und diese dann mit der Jugend der Kinder, mit deren zarten Naturen, mit ihren schwachen Talenten und Kräften vergleicht, dann möchte man wohl fragen: Wie sollen die Kinder solche Berge übersteigen, ohne Schaden zu leiden? Den Kindern fehlt es doch naturgemäß bei ihrer unentwickelten Geistes- und Körperkraft an Ausdauer. Müssen sie nicht unterliegen geistig, wie körperlich, wenn sie Stunden lang in der Schule sitzen sollen? Ich habe oben bemerkt: ein Verslein lernt ein Kind leicht und gern, aber ein langes Gedicht kann es nicht lernen. Soll dann ein jugendliches Gehirn stundenlang neue Kenntnisse aufnehmen können, ohne ermattet zu werden? Da wird es oft gehen, wie wenn man einen Schwamm ins Wasser taucht, ihn dann herausnimmt und in anderes Wasser taucht in der Absicht, er solle noch viel von letzterem aufnehmen. Das zweite Wasser wird eben vom Schwamm ablaufen, weil er bereits gefüllt war. Wenn die kleinen Kinder über zwei Stunden auf der Schulbank sitzen, so bemerkt man an ihnen, besonders an den Schwächlingen, die größte Langweile, und man sieht recht gut, daß sie sich am Unterricht wenig oder gar nicht mehr betheiligen. Ist der Schulplan zu ausgedehnt und zu reichhaltig, so kann ferner eine Gründlichkeit im Erlernen und Einüben nicht erwartet werden. Wie kann sich Geist und Körper ausbilden, wenn auf solche Weise einer gedeihlichen Entwickelung entgegen gearbeitet wird? Kinder sind von Natur wißbegierig und wollen lernen und lernen auch gern; wenn sie aber durch das ganze Verhalten zeigen, daß sie dem Unterricht nicht mehr folgen können, und doch dazu gezwungen werden, dann wird das ganze Lernen ihnen zum Eckel, und es geht ihnen wie jungen Pferden, wenn ihnen zu viel zugemuthet wird. Sie gehen zurück anstatt vorwärts.
Ich hörte vor kurzer Zeit in einer Schule zu, wie bei dem Anschauungsunterrichte ein Garten erklärt wurde. Wie lange dauerte das, wie sehr nahm es die Kinder in Anspruch, und was mußte der Unterrichtende dabei aushalten! Ich dachte bei mir selber: Ich will doch lieber eine Predigt halten, als eine solche Erklärung in ihrer Umständlichkeit und Ausdehnung geben. Weiter dachte ich dann: Man hat in meiner Jugendschule nichts über einen Garten gesagt, und doch wußte jedes Kind, was ein Garten sei, was er hervorbringen kann, und wie er eingerichtet ist.
Ein anderes Beispiel. Ein Herr erzählte mir, daß es so schwer sei, Kindern Begriffe beizubringen, und sagte, er habe sich recht abgemüht, einem kleinen Schulkinde begreiflich zu machen, was der Kelch sei, daß er aus Kupfer, Silber oder Gold gemacht sei und in der Kirche bei Darbringung des hl. Opfers gebraucht werde. Als er nun glaubte, in aller Klarheit und Genauigkeit dem Kinde Alles gesagt zu haben, habe er dasselbe gefragt, ob es jetzt wisse, was ein Kelch sei. Es habe geantwortet: ja. Dann habe er die Frage gestellt, wo man einen solchen Kelch bekommen könne, und es habe zur Antwort gegeben: Beim Kalkbrenner. Hierdurch gab das Kind den Beweis, daß es von der ganzen Erklärung nichts erfaßt hatte. Auf jene Erzählung bemerkte ich, daß ich ganz leicht mit dem Kinde zurecht gekommen wäre, es würde mir nicht viel Mühe gekostet haben. Auf die Frage: wie? gab ich ihm zur Antwort: Ich hätte gar nichts gesagt, weil das Kind nach 6 bis 8 Jahren schon lange inne geworden wäre, was ein Kelch ist, und was Kalk ist. – Es muß also beim Unterrichte vor Allem ins Auge gefaßt werden, daß die Kinder gern lernen, daß es aber nicht zu lange Zeit dauern darf, und daß man sie nicht zu lange mit ein und demselben Gegenstande beschäftigen muß, sonst wird der Geist überladen, abgestumpft und bekommt Eckel an der Sache, und die Naturkraft unterliegt. Gilt Dieses im Allgemeinen, so darf es noch mehr betont werden bei den schwächer talentirten Kindern und bei solchen, deren Körper weniger entwickelt ist. Die Entwicklung der Kinder ist sehr verschieden. Manches Kind ist mit fünf bis sechs Jahren mehr entwickelt als andere mit 9 und 10 Jahren. Es ist nicht einmal gut, wenn sich die Geisteskräfte zu früh und zu rasch entwickeln; denn gewöhnlich wird bei solchen der Körper krank und verkümmert früh oder geht ganz zu Grunde. Es gibt ja häufig Kinder, die mit sieben bis acht Jahren scheinbar wenig Talent zeigen, mit 10 und 11 Jahren wachen sie dann um so kräftiger auf. Ich bin gewiß dafür, daß die Kinder so viel lernen, als ihre Kräfte erlauben, aber man soll sie nicht überanstrengen. Man darf aber auch beim Schulunterricht nicht vergessen, daß bei den Schulkindern der Unterricht zu Hause nicht eingestellt ist, und daß die Hausarbeiten schon früh gelernt und eingeübt werden müssen. Es müssen der Vater wie die Mutter denselben weiter fortsetzen, und die Kinder müssen nicht bloß das Arbeiten von ihnen sehen, sondern entsprechend ihren Kräften dasselbe lernen und üben. Sind dieselben zu sehr angestrengt für die Schule, und werden dadurch die jungen Kräfte erschöpft, dann bleibt die Hausschule zurück, und was sie als Kinder in dieser nicht gelernt haben, das mögen sie nachher nicht üben.
Die Eltern sollen indessen nicht bloß zu Hause die Unterweisung der Kinder sich angelegen sein lassen, sondern auch darüber wachen, daß jene den Unterricht in der Schule gut benützen. Auch hier sei die Religion der erste und wichtigste Gegenstand, und die Eltern sollen sich oft davon überzeugen, welche Fortschritte ihre Kinder in der Kenntniß derselben machen. Sie müssen deßhalb ihre Kinder auch fleißig zur Schule schicken. Wie strenge wurde zu meiner Jugendzeit von den Eltern der christliche Unterricht ausgefragt, wie eingehend wurde während der Tischzeit an Sonn- und Feiertagen über die Predigt nachgefragt, und wenn ich nichts von derselben wußte, mußte ich den Löffel weglegen und bekam nichts zu essen. Gewiß eine schwere Buße für ein hungeriges Kind, aber auch eine gerechte Strafe! Die Kinder sollen jedoch nicht bloß in der Religion gut unterrichtet werden, sie sollen auch angeleitet werden, besonders durch das Beispiel der Eltern, ihrem Glauben gemäß zu leben. Darauf sollen die Eltern während der Zeit, wo die Kinder die Schule besuchen, ganz besonders ihre Aufmerksamkeit richten. Was hier während der Schulzeit versäumt wird, wird schwer oder gar nicht mehr einzubringen sein.
Die Eltern müssen auch dafür Sorge tragen, daß die Kinder in dieser Zeit eine recht einfache, nahrhafte Kost erhalten. Sie sollen nicht bloß lernen, sie sollen auch wachsen. Wenn die Kost auch rauh ist, das macht nichts; im Gegentheil, man soll sich hüten, sie an verfeinerte Kost zu gewöhnen. Geistige Getränke sollen als Gift für die Kinder betrachtet werden. Die Kleidung soll ebenfalls einfach, dauerhaft und der Jahreszeit entsprechend sein. Nur keine Eitelkeit, welche die Führerin zum Stolze ist! Es soll ferner für ein recht trockenes Schlafgemach, gute Lüftung und recht einfache, gesunde Betten gesorgt werden, so daß auch hierdurch keine Verweichlichung eintreten kann. Nicht minder soll man auf Abhärtung der Kinder sehen, sowohl durch freie Luft, als besonders durch die angegebenen Mittel: Barfußgehen, im Wasser gehen u. s. w. Im Winter kann die Jugend des Morgens und Abends im Hause barfuß gehen; doch soll zu dieser Übung im Freien ganz besonders der Frühling und Herbst benutzt werden. Durch die Abhärtung allein kann die Natur in der Jugend um's Doppelte gekräftigt werden. Es kostet nichts, und die Mühe ist gering. Wie bald sind die Kinder unterrichtet, daß sie sich ein Badwasser zurecht machen können, und wenn sie in der Woche zwei bis vier Halbbäder oder auch Ganzbäder nehmen, ½ bis höchstens 1 Minute lang, so entwickeln sie sich kräftig zur größten Freude ihrer Eltern, wie zu ihrem eigenen Segen. Wird die Jugend aber verweichlicht, so werden ihr viele Leidenschaften und Gebrechen eingepflanzt.
[Schule der heranwachsenden Jugend.]
Die Schulzeit dauert gewöhnlich vom 6. bis 13. Jahre, welche Zeit man noch zur Kindheit rechnet. Sie gleicht einem schönen Frühlingstage, der jedoch bald entschwunden ist. Dann kommt eine andere Zeit, welche theilweise dieselben Pflichten mit sich bringt, aber in einem höheren Grade. Da dürfte der Hausvater und die Hausmutter schon Alles aufbieten, daß sie ein guter Lehrer und eine gute Lehrerin seien für ihre Kinder. Bisher waren diese noch scheu und schüchtern und weilten mehr in der Nähe der Eltern und sahen hauptsächlich auf diese. Sobald aber das Kind mehr heranwächst, wird es wißbegieriger, es will mehr schauen, mehr hören und ausgedehnteren Verkehr haben. Da handelt es sich denn vor Allem darum, mit aller Sorgfalt darauf zu achten, daß es nur Gutes höre und sehe und im Guten sich übe, vor allem bösen Umgang dagegen bewahrt werde. In dieser Zeit muß eine feste religiöse Grundlage gelegt werden, auf der sich das ganze weitere Leben des Menschen aufbaut. Man kann diese Jahre daher so recht eine Tugendschule nennen, weil die Übung der Tugend der Hauptgegenstand des Unterrichtes sein muß. Es soll den jugendlichen Herzen recht fest das Urtheil eingeprägt werden, das Gott über die Menschheit ausgesprochen: zu arbeiten im Schweiße des Angesichts und in Geduld die Mühsale und Beschwerden des Lebens zu ertragen. Weil in dieser Zeit die Welt Alles aufbietet, die Jugend zu fesseln, so soll sie auch noch recht vertraut gemacht werden mit dem härtesten Strafurtheil, das Gott über den Menschen ausgesprochen hat: Du mußt einst sicher sterben, und dann mußt du Alles verlassen, was du besitzest, und Rechenschaft ablegen über all dein Thun und Lassen. In diesen Jahren entscheidet es sich schon bei den Meisten, ob sie die breite Straße der Welt wandeln werden oder den schmalen mühsamen Weg der Tugend, welcher allein zur Zufriedenheit auf Erden und zum ewigen Glück führt. Sie müssen ihre Erfahrung benutzen, um ihre Kinder zu schützen vor den Gefahren der Welt, und sie unterrichten, wie sie denselben ausweichen können. Sie sollen sie lehren, daß sie zu Grunde gehen, wenn sie die Gefahren aufsuchen. Damit die Eltern aber recht sich angetrieben fühlen, mit allem Eifer hierin ihre Pflicht zu erfüllen, mögen sie wohl bedenken, daß ihre Kinder mehr Neigung zum Bösen als zum Guten haben. Nichts aber hält den Menschen kräftiger davon ab, seinem bösen Hang und den Lockungen der Welt zu folgen, als ein religiöses Tugendleben, weil dadurch dem Menschen seine ewige Bestimmung stets vor Augen bleibt, welche die Welt in ihrer ganzen Armseligkeit erkennen läßt. Nie wird die Welt und böse Lust über die Tugend siegen, wenn das ewige Ziel erfaßt und mit Jugendeifer angestrebt wird. Das Gegentheil aber wird bei denen der Fall sein, die in dieser Lebenszeit jenes Ziel aus dem Auge verlieren. So geschieht es, daß die einen den Weg der Demuth wandeln, die anderen den Weg des Stolzes, die einen Liebe zur Einfachheit haben, die anderen zur Eitelkeit. Die einen führen ein genügsames Leben, die anderen ergeben sich den Genüssen und Lustbarkeiten. Gerade so ist es mit allen übrigen Tugenden und Untugenden.
Junge Bäume, die man in den Garten setzt, brauchen viele Jahre hindurch eine feste Stütze und müssen fleißig beschnitten werden, damit sie nicht zu Grunde gehen oder ausarten. Eine solche Stütze müssen die Eltern für die Kinder sein, und sie müssen auch die verschiedenen Auswüchse des Bösen abschneiden. Geht den Bäumchen die Stütze verloren, dann werden sie bald durch die Stürme vernichtet. Gerade so geht es der Jugend, wenn nicht die schirmende und leitende Hand der Eltern sie vor dem Untergange bewahrt. Wird sie aber in diesen ihren schönsten, aber auch gefährlichsten Jahren unterrichtet in der Furcht, der Liebe und dem Dienste Gottes, dann schlägt sie den Weg der Weisheit und des Glückes ein, den sie auch lieb gewinnen wird.
Ich kannte eine Familie, in welcher der Vater herzensgut, die Mutter aber so verblendet war, daß sie nur Gutes an ihren Kindern sah. Sie übersahen beide die bösen Neigungen ihrer Kinder und die ihnen drohenden Gefahren und gönnten ihnen zu viel Freiheit. Als diese gegen 20 Jahre alt waren, konnten die Eltern schon recht gut sehen, daß sie für das eine Nothwendige nur wenig Interesse hatten, und daß sie auf der breiten Straße des Verderbens wandelten, von der sie nicht mehr abgebracht werden konnten. Die zwei Söhne suchten Weltfreuden und heitere Gesellschaften auf, und bald gefiel es ihnen nicht mehr zu Hause bei Vater und Mutter. Der eine ergab sich dem Spiel und der Trunksucht, der andere ging die Straße der Sinneslust. Das Vater- und Mutter-Wort wurde weder gehört noch befolgt, und mit 25 Jahren waren beide schon ein Opfer ihrer Leidenschaften geworden. Die Tochter kam in eine Gesellschaft, in der die Eitelkeit in Wort und Beispiel gepredigt wurde, und bald wurde auch bei dieser das Sprüchwort wahr: Hochmuth kommt vor dem Falle. Ehe sie 24 Jahre erreichte, bereitete sie schon ihren Eltern großen Jammer, und die traurigen Folgen steigerten sich von Jahr zu Jahr. Die Mutter konnte Kindsmagd ihrer verdorbenen Tochter werden, und ihr Vater konnte für Alle das Brod verdienen. Das Traurigste aber ist dabei, daß solche Eltern dann weder durch Wort noch durch Beispiel mehr etwas vermögen; denn wenn die Kinder den Weg der Thorheit wandern, werden sie leicht verstockt und unempfänglich für weisen Rath.