Es kam zu mir einst ein Hausvater und suchte Trost. Er erzählte mir Folgendes: Einst habe er in einem Taschentüchlein seine ganze Habschaft in die Stadt gebracht, habe dann aber wegen seiner Arbeitsamkeit, seines Fleißes und guten Verhaltens eine reiche Partie gemacht und so ein großes Vermögen erhalten. Er sei jetzt aber ebenso unglücklich, wie er einst als Geselle glücklich gewesen. Und auf die Frage: „Warum haben Sie denn diese Heirath gemacht?“ gab er zur Antwort: „Ich wollte der Armuth entkommen und glaubte, ich werde im Besitz von Hab und Gut mein übriges Glück auch bewahren können. Jetzt bin ich eines Andern belehrt, kann es aber nicht mehr ändern. Ich bin unglücklich und werde kaum je mehr mein altes Glück wieder finden können.“ Gibt es nicht viele, denen es ähnlich ergeht? Daran wird Keiner zweifeln, der sich schon einmal in der Welt recht umgesehen hat. Darum heißt es vorsichtig sein, daß man nicht den verkehrten Stand erwählt. Jeder suche mit Hülfe Gottes unter Berücksichtigung der angeborenen Neigungen und Fähigkeiten den richtigen zu finden.

Soll ich aber den Eltern einen guten Rath geben, wie sie den Kindern zur Erlangung ihres richtigen Berufes behülflich sein können, so sage ich Dieses: Pflanzet in die Herzen eurer Kinder auf's Tiefste die Religion ein; stellt in eurem Leben den Kindern das Beispiel eines echt christlichen Wandels vor Augen; machet die Kinder gewandt für alle Beschäftigungen, wodurch sie ihr Brod verdienen können; gewöhnet sie an Selbstverläugnung, an Entsagung, an Entbehrung, ganz besonders aber an Genügsamkeit. Dann ist zuversichtlich zu hoffen, daß die Kinder in den für sie bestimmten Beruf eintreten werden.

Es herrscht vielfach die Meinung, man solle nur das allein gut lernen, was zum künftigen Berufe nothwendig sei, das Übrige aber bei Seite lassen. Ich bin ganz anderer Ansicht; denn man erhält auf diese Weise nur einseitige, unerfahrene Leute, die in ihrem Berufe lange gar nicht oder nicht vollständig zurecht kommen. Zu letzterem ist eine umfassendere Kenntniß des Lebens überhaupt erforderlich. Ich war bis zum 21. Jahre Weber und Arbeiter in der Landwirthschaft, aber es hat mich noch nie gereut, meine Jugendjahre mit diesen Beschäftigungen zugebracht zu haben. Es ist doch ein großer Unterschied, ob man von verschiedenen Berufsthätigkeiten bloß gelesen und gehört, oder diese selbst mitgemacht hat. Ich kenne mehrere Priester, die auch Landwirthschaft, Gewerbe &c. getrieben haben. Niemand aber wird ihnen den Vorwurf machen, daß Dieses ihre Leistungen im priesterlichen Berufsleben beeinträchtigt habe. Gewiß ist auch, daß der, welcher durch eigene Erfahrung das Berufsleben Anderer gekostet hat, mehr Theilnahme an deren Schicksal hat und leichter ein guter Rathgeber sein kann, als wenn er dasselbe nur durch bloßes Anschauen kennen gelernt hat. Solche Nebenschulen sind ein großer Vortheil für das eigene Berufsleben. Es kann Jemand, wenn er von Jugend auf nur das für seinen spätern Beruf Nothwendige erlernt hat, leicht ein einseitiger Mensch werden.

Gerade so, wie auf den menschlichen Geist, wirkt es auch auf den menschlichen Körper vortheilhaft, wenn einer nicht ausschließlich das erlernt, was zu seinem Berufe gehört. Landwirthschaftliche Beschäftigungen, wie ein großer Theil der Gewerbe wirken günstig auf Entwickelung und Vermehrung der Körperkräfte. Ich kenne einen Beamten, der in seinen jungen Jahren Landwirthschaft getrieben, später studiert, zwei Jahre mit Theologie sich beschäftigt hat und dann der juristischen Laufbahn sich widmete. Er wurde mit der Zeit ein allgemein beliebter Beamter, zu dem man gern gegangen ist. Man wußte, er konnte Rath geben; er schätzte auch die Religion sehr hoch, weil er durch Studium sie genauer kennen gelernt hatte. Gerade die Vielseitigkeit seines Wissens ist der Grund, daß er sich, wie Wenige, seines Berufes freut.

Eine Hausfrau war als Kind in ein höheres Bildungsinstitut gekommen, hatte aber recht sichtbar alle Anlagen für den bürgerlichen Stand. Nur mit großer Mühe lernte sie die Aufgaben im Institut, aber im einfachen häuslichen Leben wurde sie nicht unterwiesen. Sie hat auch wirklich eine Stellung, entsprechend der Vorbildung, bekommen. Sie fühlt sich aber unglücklich, eignet sich nicht für ihre Lebensstellung und wird mithin ihren Berufspflichten in keiner Weise vollständig genügen können.

Ein Mädchen mit etwas beschränktem Talent, welches ich selbst kannte, besaß viel Sinn für Religion und Arbeit. Es hätte sich für einen gewöhnlichen Stand vortrefflich geeignet. Es hat aber mit großer Mühe ein wenig Französisch gelernt, auch etwas Zeichnen, d. h. Striche machen, und mußte außerdem fleißig das Komplimentirbuch studieren und auswendig lernen. Es hat sich dabei recht mühsam abgeplagt. Vater und Mutter glaubten mit diesem Kinde recht glücklich zu werden, weil sie viel auf dessen Ausbildung verwendet hatten. Da es 80,000 Gulden von den Eltern als Aussteuer bekam, so hat das Mädchen auch einen Bräutigam aus einem höheren Stande bekommen. Ich kenne aber keine unglücklichere Person als diese Frau. Das Eingelernte half nicht weit, sie konnte es nicht verwerthen, und wo die Anlagen fehlen, wird nie etwas Tüchtiges zu Stande gebracht werden können. Ich bin der Überzeugung, sie hätte in einem gewöhnlichen Stande bei entsprechender Auswahl ihres Berufes das gerade Gegentheil, nämlich recht glücklich werden können. Möchte man doch niemals übersehen, daß der Spatz niemals eine Nachtigall wird! Diese bedauernswerthe Person ist aber nicht bloß unglücklich für sich, sondern ein Grund des Schmerzes für ihre Eltern, für Verwandte und Bekannte. Es ist daher auch sehr erklärlich, daß ihr beständiger Kummer und ihr Elend sie früher, als es sonst geschehen wäre, ins Grab gebracht hat, welches sie einem Leben vorzog, von welchem sie gern erlöst sein wollte. Den Eltern aber mußte das besonders großen Schmerz bereiten, daß sie an sich nicht genug die Frage gestellt hatten: In welchen Beruf taugt unsre Tochter nach Anlage und Fähigkeiten des Körpers und Geistes?

Ein anderes Mädchen war presthaft und hatte zudem noch einen zu kurzen Fuß, aber ein großes Vermögen. Dieses Mädchen wollte einen Bräutigam haben. Die Eltern waren in dieser Sache die Rathgeber und Auswähler. Es hieß: Um so viel ein Fuß kürzer ist als der andre, um so viel mehr Kronthaler bekommt unsere Tochter, so daß das fehlende Stück durch Silber ergänzt wird, und die presthaften Vertiefungen im Körper werden mit Gold ausgefüllt. Es kam auch wirklich ein flotter Bräutigam, der Liebe und Treue sicher versprochen und sie deßhalb auch bekommen hat. Nach drei Jahren schon war ihr aber, bildlich gesprochen, die Haut zu dreivierteln abgezogen, im 4. Jahre gings an den letzten Theil, und zuletzt war es noch ein Trost für sie, von diesem Ehemanne, den die eigenen Eltern ihr angerathen, durch den Tod befreit zu werden.

Es lassen sich unzählige Beispiele anführen, bei denen Ähnliches, wenn auch in geringerem Grade, stattgefunden hat. Die Ursache des Übels liegt in der Unerfahrenheit des Kindes und der unglücklichen Leitung und Berathung durch die Eltern. Wer Augen hat zum Sehen, der schaue nur um sich, und er wird meine Aussagen hinreichend bestätigt finden.

Ist ein großer Theil der Menschen unglücklich, weil sie entweder den richtigen Beruf nicht gewählt haben, oder weil die gehörige Vorbereitung gefehlt hat, so gibt es auch eine große Anzahl, die sich in ihrer Jugendzeit in irgend ein Laster verirrt hat und aus diesem Grunde die Standespflichten nicht erfüllt. Wie viele Jünglinge ergeben sich der Trunksucht! Diese werden später ihren Berufspflichten auf die Dauer nicht nachkommen können. Es wird fehlen am Wohlstand, am häuslichen Frieden, am rechten Betriebe des Geschäftes, kurz, das ganze Berufsleben wird ein verfehltes sein. Sie werden weder die Pflichten gegen sich, noch die des übernommenen Berufes gehörig erfüllen, und leider treffen die traurigen Folgen auch die Nachkommen.