Der kleine Vogel begann ein immer stärkeres Mitleid mit dem Dornengekrönten zu fühlen. „Wenn ich mein Bruder, der Adler, wäre,“ dachte er, „würde ich die Nägel aus seinen Händen reißen und mit meinen starken Klauen alle die Leute verscheuchen, die ihn peinigen.“
Es sah, wie das Blut auf die Stirn des Gekreuzigten tropfte, und da vermochte es nicht mehr still in seinem Neste zu bleiben.
„Wenn ich auch nur klein und schwach bin, so muß ich doch etwas für diesen armen Gequälten tun können,“ dachte der Vogel, und er verließ sein Nest und flog hinaus in die Luft, weite Kreise um den Gekreuzigten beschreibend.
Er umkreiste ihn mehrere Male, ohne daß er sich näherzukommen traute, denn er war ein scheuer kleiner Vogel, der es nie gewagt hatte, sich einem Menschen zu nähern. Aber allmählich faßte er Mut, flog ganz nah hinzu und zog mit seinem Schnabel einen Dorn aus, der in die Stirn des Gekreuzigten gedrungen war.
Aber während er dies tat, fiel ein Tropfen von dem Blute des Gekreuzigten auf die Kehle des Vogels. Der verbreitete sich rasch und färbte alle die kleinen zarten Brustfedern.
Wie der Vogel wieder in sein Nest kam, riefen ihm seine kleinen Jungen zu:
„Deine Brust ist rot, deine Brustfedern sind roter als Rosen!“
„Es ist nur ein Bluttropfen von der Stirn des armen Mannes,“ sagte der Vogel. „Er verschwindet, sobald ich in einem Bach bade oder in einer klaren Quelle.“
Aber soviel der kleine Vogel auch badete, die rote Farbe verschwand nicht von seiner Kehle, und als seine Kleinen herangewachsen waren, leuchtete die blutrote Farbe auch von ihren Brustfedern, wie sie auf jedes Rotkehlchens Brust und Kehle leuchtet, bis auf den heutigen Tag.