Aber er wußte gar nicht, daß er eine volle Stunde vor der Pforte der Gerechtigkeit zugebracht hatte, sondern er wähnte, nur ein paar Minuten dort verweilt zu haben, darum meinte er, daß er wohl noch Zeit hätte, einen Blick auf die Paradiesesbrücke zu werfen, ehe er den Tempel verließe.
Und auf leichten Füßen glitt er durch die Volksmenge und kam auf die Paradiesesbrücke, die in einem ganz andern Teile des großen Tempels gelegen war.
Aber als er die scharfe Stahlklinge sah, die sich über die Kluft spannte, und daran dachte, daß der Mensch, der über diese Brücke wandern könnte, gewiß wäre, ins Paradies zu kommen, da däuchte es ihn, daß dies das Merkwürdigste wäre, was er je geschaut hätte, und er setzte sich an den Rand der Kluft, um die Stahlklinge zu betrachten.
Da saß er und dachte, wie lieblich es sein müßte, ins Paradies zu kommen und wie gern er über diese Brücke gehen wolle. Aber zugleich sah er, daß es ganz unmöglich war, dies auch nur zu versuchen.
So saß er zwei Stunden und grübelte, aber er wußte nicht, daß soviel Zeit vergangen war. Er saß nur und dachte an das Paradies.
Aber es war so, daß auf dem Hofe, wo die tiefe Kluft sich befand, ein großer Opferaltar stand, und um ihn herum gingen weißgekleidete Priester, die das Feuer auf dem Altar hüteten und Opfergaben in Empfang nahmen. Auf dem Hofe standen auch viele, die opferten, und eine große Menge, die dem Gottesdienste nur zusah.
Kam da auch ein armer, alter Mann gegangen, der ein Lämmchen trug, das sehr klein und mager war und obendrein noch von einem Hunde gebissen worden war, so daß es eine große Wunde hatte.
Der Mann ging mit diesem Lamme zu den Priestern und bat sie, es opfern zu dürfen, aber sie schlugen es ihm ab. Sie sagten ihm, eine so armselige Gabe könne er dem Herrn nicht darbringen. Der Alte bat, sie möchten doch um der Barmherzigkeit willen das Lamm annehmen, denn sein Sohn liege krank auf den Tod, und er besitze nichts andres, was er Gott für seine Genesung opfern könnte. „Ihr müßt es mich opfern lassen,“ sagte er, „sonst kommt mein Gebet nicht vor Gottes Angesicht, und mein Sohn stirbt.“
„Du kannst mir glauben, daß ich Mitleid mit dir habe,“ sagte der Priester, „aber das Gesetz verbietet uns, ein verletztes Tier zu opfern. Es ist ebenso unmöglich, deiner Bitte zu willfahren, wie es unmöglich ist, die Paradiesesbrücke zu überschreiten.“
Der kleine Knabe saß so nah, daß er das alles hörte. Er dachte gleich, wie schade es doch wäre, daß niemand die Brücke zu überschreiten vermochte. Vielleicht könnte der Arme seinen Sohn behalten, wenn das Lamm geopfert würde.