Denn gerade, als der Knabe die Kluft überschritten hatte, hatte er an die Heimreise und die Eltern denken müssen. Er wußte nicht, daß der Morgen und der Vormittag schon verstrichen waren, sondern er dachte: Ich muß mich jetzt sputen, heimzukommen, damit sie nicht zu warten brauchen. Ich will nur erst noch forteilen und einen Blick auf die Stimme des Weltenfürsten werfen.
Und er schlich sich zwischen dem Volke durch und eilte auf leichten Sohlen nach dem halbdunkeln Säulengang, wo das Kupferhorn an die Wand gelehnt stand.
Als er es sah und bedachte, daß wer ihm einen Ton entlocken konnte, alle Völker der Erde unter seiner Herrschaft versammeln würde, da däuchte es ihn, daß er niemals etwas so Merkwürdiges gesehen hätte, und er setzte sich daneben nieder und betrachtete es.
Er dachte, wie groß es sein müßte, alle Menschen der Erde zu gewinnen, und wie sehnlich er sich wünschte, in das alte Horn blasen zu können. Aber er sah ein, daß dies unmöglich wäre, und so wagte er nicht einmal den Versuch.
So saß er mehrere Stunden, aber er wußte nicht, daß die Zeit verstrich. Er dachte nur daran, was für ein Gefühl es sein müßte, alle Menschen der Erde unter seiner Herrschaft zu sammeln.
Aber es war so, daß in diesem kühlen Säulengang ein heiliger Mann saß und seine Schüler unterwies. Und er wendete sich jetzt an einen der Jünglinge, die zu seinen Füßen saßen, und sagte ihm, daß er ein Betrüger sei. Der Geist hätte ihm verraten, sagte der Heilige, daß dieser Jüngling ein Fremder sei und kein Israelit. Und nun fragte ihn der Heilige, warum er sich unter einem falschen Namen unter seine Jünger eingeschlichen hätte.
Da erhob sich der fremde Jüngling und sagte, er sei durch Wüsten gepilgert und über große Meere gezogen, um die wahre Weisheit und die Lehre des einzigen Gottes verkünden zu hören. „Meine Seele verschmachtete vor Sehnsucht,“ sagte er zu dem Heiligen. „Aber ich wußte, daß du mich nicht unterrichten würdest, wenn ich nicht sagte, daß ich ein Israelit sei. Darum belog ich dich, auf daß meine Sehnsucht gestillt würde. Und ich bitte dich, laß mich bei dir bleiben.“
Aber der Heilige stand auf und streckte die Arme zum Himmel empor. „Ebensowenig sollst du bei mir bleiben, als jemand auferstehen wird und auf dem großen Kupferhorn blasen, das wir die Stimme des Weltenfürsten nennen. Es ist dir nicht einmal gestattet, diese Stelle des Tempels zu betreten, weil du ein Heide bist. Eile von hinnen, sonst werden meine andern Schüler sich auf dich stürzen und dich in Stücke reißen, denn deine Gegenwart schändet den Tempel.“
Aber der Jüngling stand still und sprach: „Ich will nirgends hingehen, wo meine Seele keine Nahrung findet. Lieber will ich hier zu deinen Füßen sterben.“
Kaum hatte er dies gesagt, als die Schüler des Heiligen aufsprangen, um ihn zu vertreiben. Und als er sich zur Wehr setzte, warfen sie ihn zu Boden und wollten ihn töten.