„Es liegt nichts Unglaubliches darin, daß Tiberius einen Boten nach dem Propheten ausgesandt hat, um ihn an sein Krankenlager zu rufen,“ stimmte der junge Rhetor ein.

Der Anführer wendete sich mit tiefem Ernst an Pilatus: „Wenn der Kaiser wirklich den Einfall gehabt hat, diesen Wundertäter zu sich rufen zu lassen, dann wäre es besser für dich und für uns alle, wenn er ihn lebend träfe.“

Pilatus antwortete halb zürnend: „Ist es diese Dunkelheit, die euch zu Kindern gemacht hat? Man könnte glauben, ihr wäret alle in Traumdeuter und Propheten verwandelt.“

Aber der Hauptmann ließ nicht ab, in ihn zu dringen: „Es wäre vielleicht nicht so unmöglich, das Leben des Mannes zu retten, wenn du einen eiligen Boten abschicktest.“

„Ihr wollt mich wohl zum Gespött der Leute machen,“ antwortete der Landpfleger. „Sagt selbst, was sollte in diesem Lande aus Recht und Ordnung werden, wenn man erführe, daß der Landpfleger einen Verbrecher begnadigt, weil seine Frau einen bösen Traum geträumt hat?“

„Es ist doch Wahrheit und kein Traum, daß ich Faustina in Jerusalem gesehen habe,“ sagte der junge Rhetor.

„Ich nehme es auf mich, mein Vergehen vor dem Kaiser zu verantworten,“ sagte Pilatus. „Er wird begreifen, daß dieser Schwärmer, der sich widerstandlos von meinen Knechten mißhandeln ließ, nicht die Macht gehabt hätte, ihm zu helfen.“

In demselben Augenblick, wo diese Worte ausgesprochen wurden, wurde das Haus von einem Getöse erschüttert, das wie heftig grollender Donner klang, und ein Erdbeben ließ den Boden erzittern. Der Palast des Landpflegers blieb unversehrt stehen, aber unmittelbar nach dem Erdbeben vernahm man von allen Seiten das entsetzeneinflößende Krachen von einstürzenden Häusern und fallenden Säulen.

Sowie eine Menschenstimme sich Gehör verschaffen konnte, rief der Landpfleger einen Sklaven zu sich.

„Eile zum Richtplatz und befiehl in meinem Namen, daß der Prophet aus Nazareth vom Kreuze genommen werde!“