Das ganze Unglück kam wohl daher, daß Ingmar Ingmarson alt geworden war. In seinen Jugendtagen hätte ihn ein Schneesturm wohl kaum schwindelig gemacht, aber jetzt drehte sich alles im Kreise, als wenn er sich in einer Weihnachtspolka herumgeschwungen hätte. Und als er heimwärts gehen wollte, ging er gerade nach der verkehrten Richtung. Er ging geradewegs in den großen Tannenwald hinein, der hinter dem Birkenhain anfing, anstatt zu den Feldern hinunter.
Die Dunkelheit brach schnell herein, und unter den jungen Bäumen am Waldessaum trieb das Schneegestöber sein Spiel weiter. Der Alte sah wohl, daß er zwischen Tannen ging, aber er merkte nicht, daß er fehl gegangen war; denn auch auf der Seite des Birkenwaldes, die dem Hofe zugekehrt war, wuchsen Tannen. Aber nun kam er so tief in den Wald hinein, daß es ganz ruhig und still wurde; von dem Sturm war nichts mehr zu spüren, und die Bäume wurden hoch und großstämmig. Da sah er, daß er in die Irre gegangen war, und wollte umkehren.
Er war ganz traumselig und erregt davon, daß er sich hatte verirren können; und wie er so mitten in dem weglosen Wald stand, war er nicht klar genug im Kopfe, um zu wissen, wohin er gehen müßte. Er schlug zuerst eine Richtung ein und dann wieder eine andre. Endlich kam es ihm in den Sinn, in seinen eignen Fußstapfen zurückzugehen, dann aber brach die Dunkelheit herein, und er konnte die Fußstapfen nicht mehr finden. Und höher und höher wurden die Bäume um ihn. Er mochte gehen, wie er wollte, — er merkte schon, daß er sich weiter und weiter vom Waldsaum entfernte.
Es war rein wie verhext und verzaubert: den ganzen Abend mußte er hier im Walde herumlaufen und kam gewiß zu spät zum Baden.
Er drehte die Mütze um und knüpfte sein Strumpfband anders, aber es blieb ihm ebenso wirr im Kopfe wie zuvor, und es wurde ganz dunkel, und er fing an zu glauben, daß er die Nacht über im Walde bleiben müßte.
Er lehnte sich an einen Tannenbaum und stand still, um seine Gedanken zu sammeln. Mit diesem Walde war er doch so wohl vertraut. Er war hier so viel umhergegangen, daß er fast jeden Baum kannte. Als Knabe war er hier umhergelaufen und hatte die Schafe gehütet, war er auf Schleichwegen gegangen und hatte den Waldvögeln Fallen gestellt. In seiner Jugend hatte er mitgeholfen, den Wald zu fällen. Er hatte ihn abgeholzt daliegen und er hatte ihn aufs neue wachsen sehen.
Endlich kam es ihm vor, als ob er wieder wüßte, wo er war, und er glaubte, wenn er nur so und so ginge, müßte er auf den rechten Weg kommen. Aber wie er auch ging, — er kam nur tiefer und tiefer in das Waldesdickicht.
Einmal fühlte er festen, glatten Boden unter dem Fuß, und da sagte er sich, daß er nun endlich auf einen Weg gekommen wäre. Den versuchte er nun weiterzugehen, denn ein Weg mußte doch irgendwohin führen. Aber nun lief der Weg in eine Waldwiese aus, und da hatte das Schneegestöber freien Spielraum, da gab es keinen Pfad mehr, — nur Schneehaufen und Schneegruben. Da sank dem Alten der Mut, und er fühlte sich als ein armer Wicht, der draußen in der Wildnis sterben müßte.
Er begann es müde zu werden, sich durch den Schnee zu schleppen; und ein Mal ums andre setzte er sich auf einen Stein, um auszuruhen. Aber sobald er sich setzte, wurde er schläfrig, und er wußte, daß er erfrieren mußte, wenn er einschlummerte. Darum versuchte er zu gehen und zu gehen, — das war ja das Einzige, was ihn retten konnte.
Aber wie er so ging, konnte er der Lust nicht widerstehen, zu rasten. Er dachte, wenn er nur ruhen dürfte, fragte er gar nicht viel danach, ob es ihn das Leben koste.