Wieder rutschte der Mann auf einem lockern Stein aus, wieder wäre ihm das Kind fast aus dem Arm gefallen. »Gib mir das Kind, du fällst damit,« sagte die Frau. — »Nein,« sagte der Mann, »ich werde schon aufpassen.« — »Du sollst es mir geben,« rief die Frau, »du bist schon zweimal ausgeglitten.«
In demselben Augenblick rutschte der Mann zum drittenmal aus. Er streckte die Arme nach einem Baumast, um sich daran festzuhalten, und das Kind fiel. Die Frau kam dicht hinterdrein, und obgleich sie eben noch gedacht hatte, daß es schön wäre, den Wechselbalg loszuwerden, stürzte sie nun vor, packte einen Zipfel des Kittelchens und zog das Kind daran wieder auf den Weg. Da wendete sich der Mann zu ihr. Sein Gesicht war jetzt häßlich und wie verwandelt. »Als du unser Kind im Walde fallen ließest, warst du nicht so flink,« sagte er zornig.
Die Frau antwortete nichts. Sie saß auf der Erde und weinte darüber, daß die Freundlichkeit des Mannes nur gespielt gewesen war. »Warum weinst du?« sagte er hart. »Es wäre wohl kein so großes Unglück gewesen, wenn ich den Balg hätte fallen lassen. Komm jetzt, es wird spät.« — »Ich glaube, ich hab keine Lust mehr, auf den Markt zu gehen,« sagte sie. — »Na ja, mir ist die Lust auch vergangen,« sagte er. »Ich will lieber nach Hause,« sagte die Frau. »Ja, warum sollten wir auch hin, wenn es uns keine Freude macht,« sagte der Mann und war einig mit ihr.
Auf dem Heimwege ging der Mann einher und fragte sich, wie lange er es noch mit seinem Weibe aushalten könnte. Wenn er nun von seiner Macht Gebrauch machte und ihren Willen zwänge, dann könnte ja noch alles zwischen ihnen wieder gut werden, meinte er; aber so, wie es jetzt war, wollte er am liebsten von ihr befreit sein. Er war nahe daran, Gewalt gegen sie anzuwenden und das Kind an sich zu reißen, aber gerade da begegnete er dem Blick des Weibes, der so schwermütig und traurig auf ihm ruhte, daß er es nicht vermochte, hart gegen sie zu verfahren. Um ihrer Trauer willen tat er sich Gewalt an, wie er es bisher getan hatte, und alles blieb, wie es gewesen war.
Wieder vergingen ein paar Jahre, und es kam eine Sommernacht, wo im Bauernhof eine Feuersbrunst ausbrach. Als die Leute aufwachten, waren Stube und Kammer voll Rauch, und der ganze Dachboden war ein Feuermeer. Es war gar nicht daran zu denken, zu löschen oder zu retten; man konnte nur hinausstürmen, um nicht zu verbrennen.
Der Bauer ging in den Hof hinaus und stand da und sah das brennende Haus an. »Eins möchte ich wissen, wer mir das angetan hat?« — »Wer? Nun, wer sollte es wohl anders sein als der Wechselbalg?« sagte ein Knecht. »Es war schon lange immer sein Spiel, Scheiterhaufen aus Reisig zu machen und sie anzuzünden.« — »Gestern hat er einen großen Haufen trockne Zweige auf den Dachboden getragen,« sagte die Magd. »Er wollte sie eben anzünden, als ich kam und ihn bemerkte.« — »Gewiß hat er sie gestern Abend in Brand gesteckt,« sagte der Knecht. »Ihr könnt ganz sicher sein, daß er das Unglück verursacht hat.«
»Wenn er nur wenigstens verbrennen wollte,« sagte der Bauer, »dann wollte ich nicht klagen, daß meine alte Hütte durch ihn in Flammen aufgegangen ist.« Wie er das eben sagte, trat die Frau aus dem Hause und schleppte das Kind hinter sich her. Da stürzte der Bauer heran, entriß ihr das Kind, hob es hoch in die Luft und warf es wieder in das Haus zurück. Das Feuer schlug gerade zum Dach und zu den Fenstern heraus, und die Hitze war fürchterlich. Einen Augenblick sah die Frau den Mann an, leichenblaß vor Schrecken, dann kehrte sie um und eilte in das Haus zurück, dem Kinde nach.
»Es macht mir gar nichts, wenn du mit verbrennst,« rief ihr der Bauer nach. Sie kam jedoch wieder heraus und hatte das Kind in den Armen. Ihre Hände waren arg verbrannt, und das Haar war fast abgesengt. Niemand sagte ein Wort zu ihr, als sie herauskam. Sie ging zum Brunnen, löschte ein paar Funken, die an ihrem Rocksaum glühten, und setzte sich dann auf den Boden. Das Trollkind lag auf ihrem Schoß und schlummerte bald ein, doch sie saß hochaufgerichtet und wach da und starrte mit traurigen Augen vor sich hin. Eine ganze Menge Menschen eilten herbei, um zu löschen, aber niemand sprach zu ihr. Es sah aus, als meinten alle, daß sie etwas Häßliches und Unheimliches an sich hätte, das Schrecken und Abscheu errege.
Bei Tagesanbruch, als das Feuer gelöscht war, kam der Bauer auf sie zu. »Ich halte es nicht länger aus, ich kann nicht mit Trollen zusammenleben, obgleich ich dich ungern verlasse. Ich gehe jetzt meiner Wege und komme nie wieder.«
Als die Frau diese Worte hörte und sah, wie der Mann sich gleich darauf abwendete, um seiner Wege zu gehen, da fuhr ein Zucken durch sie, als wollte sie ihm nacheilen, aber das Trollkind lag schwer auf ihrem Schoß. Sie schien nicht Kraft genug zu haben, es abzuschütteln, sondern blieb sitzen.