»Ach nein, verurteilt wird sie nicht, die Majorin auf Ekeby wird schon freigesprochen; aber das, was sie in diesen Tagen hat durchmachen müssen, ist doch zu viel für sie gewesen. Wenn sie nur nicht den Verstand verliert. Denken Sie nur, so eine stolze Frau und dann als Verbrecherin behandelt zu werden! Ich glaube, es wäre das Richtigste gewesen, wenn man ihr Erlaubnis gegeben hätte zu gehen; da wäre sie vielleicht auf eigene Hand entkommen.«
»Lassen Sie sie doch entschlüpfen«, sagt die Gräfin.
»Das kann jeder andere tun, nur nicht der Amtmann oder seine Frau«, flüstert Frau Scharling. »Wir müssen ja acht auf sie geben. Besonders in dieser Nacht, wo so viele von ihren Freunden hier sind; deswegen halten auch zwei Männer Wache vor ihrer Tür, und die ist verschlossen und verriegelt, so daß niemand zu ihr hineinkommen kann. Wenn ihr aber jemand zur Flucht behilflich sein wollte, so würden sowohl Scharling als ich uns freuen.«
»Darf ich nicht einmal zu ihr hineingehen?« fragte die junge Gräfin.
Frau Scharling erfaßt sie eifrig bei der Hand und zieht sie mit sich hinaus. Auf der Diele hüllen sie sich in ein paar Schals und eilen dann über den Hof.
»Es ist sehr leicht möglich, daß sie nicht einmal mit uns sprechen will«, sagt Frau Scharling. »Aber dann kann sie doch wenigstens sehen, daß wir sie nicht vergessen haben.«
Sie gehen durch das erste Zimmer, wo die beiden Männer sitzen und bei verschlossenen Türen Wache halten, und gelangen dann ungehindert zur Majorin. Sie war in einem großen Zimmer eingeschlossen, das mit Webstühlen und ähnlichen Gerätschaften angefüllt war. Es war ursprünglich die Webstube, wurde jedoch in Notfällen auch als Gefängnis gebraucht, weswegen Eisenstangen vor den Fenstern und schwere Schlösser vor der Tür angebracht waren.
Die Majorin setzt ihre Wanderung fort, ohne sie weiter zu beachten. Sie hat in diesen Tagen einen langen Weg zurückzulegen. Sie kann an nichts weiter denken, als daß sie die dreißig Meilen bis zu ihrer Mutter zurücklegen muß, die da oben in den Elfdalswäldern sitzt und auf sie wartet.
Sie hat keine Zeit zu ruhen. Sie muß wandern. Eine rastlose Geschäftigkeit hat sie ergriffen. Ihre Mutter ist über neunzig Jahre alt. Sie kann nicht lange mehr leben.
Sie hat die Länge des Zimmers nach Ellen gemessen, und nun zählt sie die Male, die sie hin und her wandert, legt die Ellen zu Faden, die Faden zu Meilen zusammen.