Er liegt in seinem Bett und hört sie an die Haustür klopfen. Was geht das ihn an! Er schläft! Da draußen steht die Dirne, die sich mit einem abgesetzten Pfarrer verheiraten will – für die hat er kein Heim. Hätte er sie weniger geliebt, wäre er weniger stolz auf sie gewesen, so hätte er sie hereinlassen können.

Ja, seinen Segen kann er ihnen nicht verweigern. Den hatte er verspielt. Ihr aber seine Tür öffnen, das wollte er nicht. Ach, Marianne!

Das schöne junge Mädchen stand noch immer vor der Tür des Hauses. Bald rüttelte sie in ohnmächtigem Zorn an dem Schloß, bald fiel sie auf die Knie, faltete ihre zerfleischten Hände und flehte um Vergebung.

Niemand aber hörte sie, niemand antwortete, niemand öffnete ihr.

Ach, war dies nicht schrecklich! Entsetzen erfaßt mich, während ich dies erzähle. Sie kam von einem Ball, dessen Königin sie gewesen war. Sie war stolz, reich, glücklich gewesen, und einen Augenblick später war sie in ein so bodenloses Elend gestürzt. Aus ihrem Hause ausgeschlossen, der Kälte preisgegeben, nicht verhöhnt, nicht geschlagen, nicht verflucht, nur mit kalter, mitleidsloser Härte ausgeschlossen.

Ich denke an die kalte, sternklare Nacht, die sie umgab,

gab, diese große, weiße Nacht mit den leeren, öden Schneefeldern, mit den stillen Wäldern. Alles schlief, alles war in schmerzlosen Schlummer versenkt; nur einen einzigen lebenden Punkt gab es in diesem schlafenden Weiß. Aller Kummer, alle Angst, alle Sorgen, die sonst über die ganze Welt verteilt sind, schlichen an diesen einen Punkt heran. Ach Gott! so allein mitten in der schlafenden, steifgefrorenen Welt leiden zu müssen!

Zum erstenmal in ihrem Leben trat ihr Unbarmherzigkeit und Härte entgegen. Ihre Mutter wollte nicht einmal aus ihrem Bette aufstehen, um sie zu erretten. Alte, treue Diener, die ihre ersten Schritte geleitet hatten, hörten sie und rührten keine Hand für sie.

Für welch ein Verbrechen wurde sie denn gestraft? Wo durfte sie auf Barmherzigkeit hoffen, wenn nicht an dieser Tür? Wenn sie einen Menschen gemordet hätte, würde sie dennoch angepocht haben im festen Glauben, daß die da drinnen ihr verzeihen würden. Wenn sie zu dem erbärmlichsten von allen Wesen herabgesunken und elend in Lumpen verkommen wäre, so würde sie dennoch an diese Tür geklopft und einen liebevollen Empfang erwartet haben. Diese Tür war der Eingang zu ihrem Heim – hinter dieser Tür konnte ihrer nur Liebe harren.

Hatte ihr Vater sie denn jetzt nicht genugsam geprüft? Würde er ihr nicht bald öffnen?