bis sie es nicht mehr aushalten konnte, und so war sie nachts um zwei Uhr von Borg auf und davon gegangen. Sie war ganz verwirrt gewesen und hatte noch gar nicht überlegen können, wohin sie sich wenden wollte, als sie auch schon auf der Landstraße stand.

Da hatte sie gedacht, sie wolle nach der Pfarrei gehen, weil sie gehört hatte, wie barmherzig die Familie dort sei. Aber die Ärmste hatte den Feldweg durch die Wiesen eingeschlagen und konnte nicht über den Steg wegkommen, sondern stürzte in den Bach, stieß mit dem Kopf an einen Stein und zerriß und beschmutzte sich ihre Kleider. Danach war sie wie nicht recht bei sich gewesen, hatte den Weg nicht mehr finden können und war dann den ganzen Morgen auf den Getreideäckern und auf den Wiesen umhergeirrt.

Nun bat sie flehentlich, man solle sie doch im Pfarrhaus behalten, bis das Blut gestillt und ihre Kleider trocken seien und sie ein wenig überlegt habe, wohin sie sich wenden wollte.

Natürlich hieß es, sie solle nur dableiben. Ach, wer hätte wohl das Herz gehabt, eine so notleidende Person hinauszuweisen!

Aber wie empört waren auch Schneewittchen und ihr Vater über die Gräfin! Sie war so schön und heiter, und nun sollte sie so grausam gegen ihre Untergebenen sein! Nicht zum ersten Male hörten sie so etwas über sie. Was soll ich sagen? Ja, es war gut für die Gräfin, daß sie an diesem Tage nicht mit Schneewittchen zusammenkam. Diese hätte sie gestellt und kein Blatt vor den Mund

genommen. Diese Jungfer – ja, wie soll ich sie nun nennen?«

»Du kannst sie ja Vabitz nennen«, schlug die Pröpstin vor.

»Gut, also diese Jungfer Vabitz war eine überaus wohlbeleumdete, ausgezeichnete Person, und die Gräfin hätte wohl etwas Besseres tun können, als sie zu plagen, bis sie den Verstand verlor.

Aber siehe! Noch am selben Tage kam Schneewittchen auf einen Gedanken, der sie ganz beglückte. Sie wollte Jungfer Vabitz bitten, im Pfarrhaus zu bleiben und für den Vater zu sorgen, während sie selbst mit der Großmutter im Bad war. Wenn sich das einrichten ließ, konnte sie ruhig fort sein, dann ging alles in schönster Ordnung und ebensogut, wie wenn sie selbst zu Hause wäre.«

»Ach du lieber Gott!« rief die Pflegeschwester. »Bist du es gewesen, die – – das heißt, ich meine, ob es Schneewittchen selbst gewesen?«