»Es wäre rasend komisch, wenn es nur nicht so schrecklich betrübend wäre«, warf die Pflegeschwester mit einem kurzen Auflachen ein.
»Am letzten Halteplatz kam ihr der lange Bengt mit den Pferden des Pfarrhauses entgegen. Und da konnte
sie sich nicht täuschen, auch er war sonderbar. Sonst mußte man jedes Wort aus ihm herauspressen, jetzt aber schwatzte er in einem fort. Und Schneewittchen merkte wohl, daß er von allem möglichen sprach, aber kein Wort von ihrem Vater und Jungfer Vabitz. Und jetzt wagte sie nicht mehr zu fragen. Wenn irgend etwas schief gegangen war, würde sie es von ihrem Vater selbst hören.«
»Und so wußte sie gar nichts, bis sie daheim ankam?« rief die Pflegeschwester.
»Nein, sie wußte nichts, gar nichts. Und nun will ich dir sagen, was ihr am schwersten dabei war. Ach, das schwerste war, daß ihr guter Vater meinte, er habe unbeschreiblich verständig gehandelt, und erwartete, sie solle sich auch noch darüber freuen.
Und er mußte es ja auch glauben. Denn wer anders als Schneewittchen hatte die Jungfer über die Maßen gelobt und zu ihm gesagt, er müßte sich glücklich preisen, eine so ausgezeichnete Person im Hause zu haben. Ach, sie selbst war es vielleicht gewesen, die ihm den ersten Gedanken eingegeben hatte, die Jungfer – –
Du wirst vielleicht gar nicht verstehen, wie vergnügt der Vater aussah, als er auf der Freitreppe stand, um sie zu bewillkommnen, und wie vergnügt auch Jungfer Vabitz aussah, die da neben ihm stand. Der gute Vater konnte es fast nicht mehr erwarten, die große Neuigkeit mitzuteilen.
Aber ihr Vater brauchte gar nichts zu sagen, denn Schneewittchen sah es selbst. Sie wußte es schon, ehe sie aus dem Wagen gestiegen war. Und nun muß ich erzählen,
wie schlimm es ihr ging. Sie wurde so zornig, daß sie sich nicht beherrschen konnte. Noch nie in ihrem Leben war sie so aufgeregt gewesen; sie fuhr zwar nicht auf die beiden los und schlug und kratzte, aber in Wirklichkeit hatte sie die größte Lust dazu.
Ihre Zunge konnte sie indes doch nicht ganz beherrschen, und so sagte sie das Schlimmste, was sie finden konnte. Nie, nie würde sie die Vabitz Mutter nennen, das war das erste; und das zweite war, daß dies eine höchst unpassende Heirat für ihren Vater sei. Die Vabitz sei die Tochter eines armen deutschen Trompeters, das wisse sie wohl, aber Schneewittchens Vater hätte die vornehmste Dame haben können, wenn er nur gewollt hätte. Und schließlich sagte sie auch noch, die beiden fühlten wohl, daß sie unrecht gehandelt hätten, sonst hätten sie nicht so im geheimen geheiratet.