Als es sieben Uhr war, wurde Schneewittchen zu ihrem Herrn Vater hineingerufen, um verwarnt und ermahnt zu werden; und etwas anderes hatte sie ja auch nicht erwartet. Der gute Vater war indes schrecklich unbehilflich, als er sie ermahnte, und so wäre Schneewittchen fast aufs neue zornig geworden. Sie ließ es aber nicht soweit kommen, sondern bat die beiden herzlich um Verzeihung und küßte beiden, der Vabitz und dem Vater, die Hand. Ach, sie sah wohl, wie leicht es dem Vater ums Herz wurde, als dieses geordnet war und er wieder Frieden im Hause hatte!«

»Und so etwas kann geschehen, während andere Leute nur ein paar Meilen entfernt sind und nichts davon

wissen!« rief die Pflegeschwester mit tränenerstickter Stimme. »Da hätte ich dabei sein sollen!«

»Oh, es war recht gut, daß niemand da war, der Schneewittchen aufstachelte«, versetzte die Pfarrerstochter.

»Sie war recht froh, sich so versöhnlich gezeigt zu haben, denn als sie die beiden beisammen sah, wurde ihr bald klar, wer am meisten zu bedauern war. Nein, nicht sie war am unglücklichsten dran, denn sie war jung, sie konnte sich verheiraten und eine eigene Heimat bekommen; aber bei dem Vater war das ganz anders, er konnte Jungfer Vabitz jetzt nie wieder loswerden, sondern mußte sie bis ans Ende seines Lebens behalten. Das bedeutete so viel, als immerfort in grauem Winter ohne Sommersonnenschein leben zu müssen. Ja, ihr Vater war zu bedauern, nicht sie!

Aber so versöhnlich sie auch sein wollte, so konnte sie doch wieder nicht anders als sich über ihren Vater ärgern, als dieser nach einer Weile ans Küchenkammerfenster kam und sie fragte, ob sie mit ihm spazierengehen wolle. Sie antwortete, es sei ihr unmöglich, weil die Mutter befohlen habe, es müßten vor dem Frühstück so und so viele Ellen Tuch fertig gewoben sein.

Im ersten Augenblick wollte der Vater sagen, sie solle trotzdem nur mitkommen. Aber dann überlegte er sich wohl, daß es nicht anging, schon am ersten Morgen die Befehle der Mutter umzustoßen. Und so ging er vom Fenster weg und ließ Schneewittchen am Webstuhl sitzen. Das aber hatte sie nie und nimmer erwartet! Ach, es war

ihr, als müßte ihr das Herz aufhören zu schlagen! Nun hatte sie ihren Vater verloren, das fühlte sie deutlich.«

Hier wurde die Stimme der Pfarrerstochter von Tränen erstickt, und sie verstummte. Auch Anna Brogren sagte nichts mehr, aber sie weinte ganz vernehmlich. Und die Kleine hätte auch geweint, wenn sie nicht so große Angst gehabt hätte, die andern würden es hören.

II