Als nun Küster Moreus kam, vergaß der Vater seine schwere Last und war ganz wie früher. Da stieg in Schneewittchen unwillkürlich der Gedanke auf, der Vater müsse sie doch recht liebhaben. Denn welchen Zwang legte er sich ihretwegen alle Tage auf! Nein, sie war ihm gar nicht so dankbar, wie sie es eigentlich hätte sein sollen.
Die Stiefmutter wollte das Abendessen selbst kochen, denn sie wollte Ulla Moreus zeigen, daß man früher auf Lövdala nie so gut gespeist hatte wie jetzt. Ulla war die geschickteste Kochfrau im ganzen Kirchspiel, das wußte die Pfarrfrau wohl. Und da Ulla überdies beständig unterwegs war, um bei Hochzeiten und Begräbnissen zu kochen, dachte die Mutter, es lohne sich wohl, aufmerksam gegen Ulla zu sein. Während nun die Pfarrfrau am Herd stand, schlug Ulla vor, sie und Schneewittchen könnten indessen eine Weile zur Großmutter gehen.
Drüben bei der Großmutter machte Ulla ein Paket auf, das sie mitgebracht hatte, um den andern ein Vergnügen zu bereiten. Es sei ein prachtvolles Geschenk, das sie von der gnädigen Frau Gräfin erhalten habe, sagte sie. Ach, nie mußte man so herzlich lachen, als wenn Ulla erzählte, wie wohl angeschrieben sie bei der Gräfin sei, und welche schönen Geschenke sie von ihr erhalte. Einmal hatte sie ihr einen Schoßhund verehrt, der nur mit Sahne ernährt werden durfte. Ja, ja, das könnte man gutherzig nennen, wenn man ein solches Tier einer Küstersfrau schenkte, die gewißlich nicht immer eine Kuh zum Melken hatte!
Ich weiß nicht, ob es Ulla nicht geradezu leid getan hätte, wenn ihr von der Gräfin einmal etwas Nützliches geschenkt worden wäre. Ach, wie übermütig war sie, als sie das neue Geschenk auspackte!
‘Da seht einmal her!’ rief sie. ‘So ausstaffiert werde ich künftig auf die Bauernhöfe kommen, wenn ich zur Hochzeit koche.’
Die Gräfin dachte wohl, sie habe etwas ganz Besonderes getan, als sie Ulla diesen Reitanzug schenkte. Es war der englische, den sie in den letzten Jahren immer getragen hatte, ein langer schwarzer Rock, eine enganliegende, mit Zobel verbrämte Jacke nebst einem kleinen Zylinderhut. Der Anzug war aus ausgezeichnetem Stoff gearbeitet und sicher noch nicht vertragen, aber es war doch ein ganz verrücktes Geschenk. Der Rock war übermäßig lang, Ulla konnte keinen Schritt darin machen, und in der roten Jacke sah sie rasend komisch aus. Doch nun verlangte Ulla, Schneewittchen solle das Kleid jetzt auch anprobieren. Und als sie es angezogen hatte, waren Großmutter und Ulla ganz entzückt.
‘Ach, wie schade,’ rief Ulla, ‘daß nicht du dieses großartige Geschenk bekommen hast! Das Kleid sitzt dir ja wie angegossen, gerade als sei es für dich gemacht.’
Schneewittchen mußte sich vor den Spiegel setzen, Ulla lockerte ihr das Haar ein wenig und drückte ihr den Hut darauf.
‘Seht sie nur an’, sagte sie zur Großmutter. ‘Sieht sie nicht ganz aus wie eine kleine gnädige Gräfin? Habt Ihr sie je so niedlich gesehen?’
Aber nun sagte Ulla, Schneewittchen dürfe das Reitkleid ja nicht wieder ausziehen, bis sie ihr Vater und Moreus darin gesehen hätten.