Mutter sah ihn prüfend an. Es war, als vergliche sie sein frisches, strahlendes Gesicht mit dem kleinen blassen draußen auf den Steinstufen. Und Mutter hätte sicherlich gerne ja geantwortet, wenn sie gekonnt hätte, aber sie konnte nicht.

„Mutter hat dich sehr lieb, Ivan, aber so wie Bruder Ruben wirst du nie.“

Es war unerreichbar, das sahen alle Kinder ein, und dennoch konnten sie es nicht lassen, das Unerreichbare zu erstreben.

Sie wuchsen zu tüchtigen Menschen heran, arbeiteten sich zu Vermögen und Ansehen herauf, während Bruder Ruben nur still auf seiner Steinstufe saß. Aber er hatte dennoch einen Vorsprung. Er war nicht einzuholen.

Und bei jedem Fortschritt, bei jeder Verbesserung, als es ihnen so allmählich gelang, Mutter ein gutes Heim und Wohlstand zu bieten, mußte es Lohn genug für sie sein, wenn Mutter sagte: „Ach, daß mein kleiner Ruben das noch gesehen hätte!“

Bruder Ruben begleitete Mutter durch das ganze Leben bis zu ihrem Totenbett. Er war es, der den Todesqualen den Stachel nahm, wußte sie doch, daß sie sie zu ihm führten. Mitten im größten Jammer konnte Mutter bei dem Gedanken lächeln, daß sie ging, um dem kleinen Ruben zu begegnen.

Und so starb sie, deren treue Liebe einen kleinen Dreijährigen erhöht und vergöttert hatte.

Aber selbst da war die Geschichte des kleinen Ruben noch nicht zu Ende. Für alle seine Geschwister war er ein Symbol des arbeitsamen Lebens im Heim geworden, der Liebe zu Mutter, aller der rührenden Erinnerungen aus den Jahren der Mühe und des Mißerfolges. Es lag immer etwas Warmes und Schönes in ihrer Stimme, wenn sie von ihm sprachen. Es war Weihe und Feierstimmung um den kleinen Dreijährigen.

So glitt er auch in das Leben seiner Geschwisterkinder. Mutters Liebe hatte ihn zu einer Größe gemacht, und die Großen, die wirken und üben Einfluß Geschlecht für Geschlecht.

Schwester Berta hatte einen Sohn, der in recht nahe Berührung mit Onkel Ruben kam.