Jetzt, wo die Arbeitszeit angebrochen ist, fragt man mich oft, womit ich meinen Sommer verbracht habe. Dann gleitet alles andre aus meiner Erinnerung fort, und es will mir scheinen, als hätte ich tagaus tagein auf der Veranda unter den Kletterrosen gesessen und Duft und Sonnenschein eingeschlürft. Was tat ich da? Ach, ich sah zu, wie andre arbeiteten.

Da war eine kleine Tapezierbiene, die vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zum Morgen arbeitete. Aus den weichen grünen Blättern sägte sie mit ihren scharfen Kiefern ein zierliches kleines Oval, rollte es so zusammen, wie man eine richtige Tapete rollt, und die kostbare Bürde an sich drückend, flatterte sie fort zum Parke und ließ sich auf einem alten Baumstumpf nieder. Da vertiefte sie sich in dunkle Gänge und geheimnisvolle Galerien, bis sie endlich den Grund eines lotrechten Schachtes erreichte. In dessen unbekannten Tiefen, in die sich weder Ameise noch Tausendfüßler je gewagt hatten, breitete sie die grüne Blattrolle aus und bedeckte den holprigen Boden mit dem schönsten Teppich. Und als der Boden bedeckt war, holte die Biene wieder neue Blätter, um die Wände des Schachtes zu bekleiden, und arbeitete so rasch und eifrig, daß es bald in der ganzen Rosenhecke kein Blatt gab, das nicht seinen ovalen Ausschnitt hatte, der bezeugte, daß es zur Ausschmückung des alten Baumstumpfes das Seinige hatte beitragen müssen.

Eines schönen Tages änderte das Bienchen seine Beschäftigung. Es bohrte sich tief in die Blätterwirrnis der Riesenrosen und schlürfte und trank aus ihren schönen Vorratskammern nach Herzenslust, und jedesmal, wenn es einen Mund voll hatte, schwirrte es gleich hinüber zu dem alten Baumstumpf, um die frischtapezierte Kammer mit dem klarsten Honig zu füllen.

Aber die kleine Tapezierbiene war nicht die einzige, die draußen in der Rosenhecke arbeitete. Da gab es auch eine Spinne, eine ganz unvergleichliche Spinne. Sie war größer als alles, was ich bisher vom Spinnengeschlechte gesehen habe, sie war klar gelbrot mit einem deutlich punktierten Kreuz auf dem Rücken, und sie hatte acht lange, weiß und rot gestreifte Beine, alle gleich schön gezeichnet. Ihr hättet diese Spinne sehen sollen! Jeder Faden wurde mit der äußersten Genauigkeit gezogen. Von den ersten an, die nur zur Stütze und zum Halt dienten, bis zu den innersten feinen Webfäden. Und ihr hättet sehen sollen, wie sie den schmalen Fäden entlang balancierte, um eine Fliege zu haschen oder ihren Thron in der Mitte des Netzes einzunehmen, regungslos, geduldig, stundenlang wartend.

Diese große rotgelbe Spinne gewann mein Herz: sie war so geduldig und so weise. Jeden Tag hatte sie ihr kleines Scharmützel mit der Tapezierbiene, und immer zog sie sich mit dem gleichen untrüglichen Takt aus der Affäre. Die Biene, deren Weg dicht an ihr vorbeiführte, blieb einmal ums andre in ihrem Netz hängen. Sogleich begann sie zu surren und zu reißen, sie zerrte an dem feinen Netz und benahm sich ganz toll, was natürlich zur Folge hatte, daß sie sich immer ärger und ärger verwickelte und Flügel und Beinchen in das klebrige Gewebe verstrickte.

Sobald die Biene ermattet und erlahmt war, kroch die Spinne zu ihr heran. Sie hielt sich immer in gebührlicher Entfernung, aber mit der äußersten Spitze eines ihrer eleganten rotgestreiften Beine gab sie der Biene einen kleinen Stoß, so daß sie sich im Netz herumdrehte. Und wenn die Biene wieder herumgeschnurrt und sich müde gerast hatte, bekam sie abermals einen ganz sachten Puff, und dann noch einen und noch einen, bis sie sich wie ein Kreisel drehte und in ihrer Raserei nicht ein noch aus wußte und so verwirrt war, daß sie sich nicht zur Wehr setzen konnte. Aber bei diesem Herumschwingen drehten sich die Fäden, die sie hielten, immer mehr zusammen, und die Spannung wurde so groß, daß sie rissen und die Biene zu Boden fiel. Ja, das war es natürlich, was die Spinne gewollt hatte.

Und dieses Kunststück konnten die beiden Tag für Tag wiederholen, solange die Biene in der Rosenhecke Arbeit hatte. Nie konnte der kleine Tapezierer es lernen, sich vor dem Spinnennetz in acht zu nehmen, und nie zeigte die Spinne Zorn oder Ungeduld. Ich mochte sie wirklich alle beide gerne leiden, die kleine eifrige zottige Arbeiterin geradeso wie die große schlaue alte Jägerin.

Es begaben sich nicht oft große Ereignisse in dem Hause mit den Kletterrosen. Zwischen den Spalieren konnte man den kleinen See in der Sonne liegen und blinken sehen. Und das war ein See, der zu klein und zu umfriedet war, um sich in wirklichen Wellen erheben zu können, aber bei jedem kleinen Gekräusel des grauen Spiegels flogen tausende kleine Fünkchen auf, die auf den Wellen glitzerten und tanzten. Es sah aus, als wäre die ganze Tiefe von Feuer erfüllt, das nicht heraus könnte. Und so war auch das Sommerleben dort draußen; es war gewöhnlich ganz still, aber kam nur das allergeringste kleine Gekräusel – ach, wie konnte es da schimmern und glitzern.

Und es bedurfte keiner großen Dinge, um uns froh zu machen. Eine Blume oder ein Vogel konnte uns Heiterkeit für mehrere Stunden bringen, von der Tapezierbiene gar nicht zu sprechen. Ich werde nie vergessen, wie seelenvergnügt ich einmal durch sie wurde.

Die Biene war wie gewöhnlich im Spinnennetz gewesen und die Spinne hatte ihr wie gewöhnlich herausgeholfen, aber sie hatte tüchtig festgesessen, so daß sie sich ungeheuer lange herumdrehen mußte und ganz zahm und gebändigt war, als sie davonflog. Ich beugte mich vor, um zu sehen, ob das Netz großen Schaden genommen habe. Das hatte es glücklicherweise nicht, dagegen saß eine kleine Raupe im Netze fest, ein kleines fadenschmales Untier, das nur aus Kiefern und Krallen bestand, und ich war erregt, wirklich erregt, als ich es erblickte.