Sie war anfangs sehr ängstlich. Aber es traf sie kein Unglück. Sie wurde mit jedem Tage sichrer und immer glücklicher. Sie stand bei den Menschen in Ansehen und wußte bei sich, daß sie es nicht verdiente. Dies hielt ihr Gewissen wach, so daß sie eine gute Frau wurde.
Nach einigen Jahren kam ihr erster Mann wieder in das Haus in der Vorstadt. Er ließ sich wieder dort nieder und wollte anfangen zu arbeiten. Aber er bekam keine Arbeit, und kein ordentlicher Mensch wollte mit ihm verkehren. Er wurde verachtet, während seine Frau große Ehre genoß. Und doch hatte er recht getan und sie unrecht gehandelt.
Der Mann behielt sein Geheimnis bei sich, aber es erstickte ihn beinahe. Er fühlte, wie er sank, weil alle ihn für einen schlechten Menschen hielten. Niemand verließ sich auf ihn, niemand wollte ihm Arbeit anvertrauen. Er schloß sich der Gesellschaft an, die er finden konnte, und gewöhnte es sich an, zu trinken.
Während es so bergab mit ihm ging, kam die Heilsarmee in die Stadt. Sie mietete einen großen Saal und begann ihre Tätigkeit. Schon vom ersten Abend an lief alles Lumpengesindel zu den Vorstellungen, um dort Unfug zu treiben. Als dies ungefähr eine Woche gedauert hatte, kam Matts Wik mit, um an der Belustigung teilzunehmen. Es herrschte Gedränge auf der Gasse, und im Tore entstand eine Stockung. Da waren scharfe Ellenbogen und scharfe Zungen; Gassenjungen und Soldaten, Mägde und Scheuerfrauen; friedliche Polizisten und lärmender Pöbel. Die Armee war neu und modern. Die Bälle verloren an Reiz, die Schenken standen leer. Elegants und Hafengesindel, alles ging zur Heilsarmee.
Im Saale war die Decke niedrig. Ganz im Hintergrunde stand eine leere Estrade. Ungestrichne Bänke, geliehene Stühle. Zerschlissener Boden, Feuchtigkeitsflecke an der Decke, Lampen, die rauchten. Der eiserne Ofen mitten im Zimmer verbreitete Wärme und Kohlendunst. Im Augenblick waren alle Plätze besetzt. Zunächst der Estrade saßen Frauen, anständig wie in der Kirche, feierlich wie unter dem Brauthimmel, und hinter ihnen Tagediebe und Nähmädchen. Ganz rückwärts saßen die Jungen, ein Gassenjunge dem andern auf dem Schoß. Und in der Tür gab es Schlägereien zwischen jenen, die nicht hereinkommen konnten.
Die Estrade war leer. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen, die Vorstellung noch nicht begonnen. Einer pfiff, einer lachte. Bänke wurden zertreten. Der „Kampfruf“ flog wie ein Drache zwischen den Leuten hin und her. Das Publikum unterhielt sich auf eigne Faust.
Die Seitentüre öffnete sich. Kalte Luft strömte in das Zimmer. Das Kaminfeuer loderte auf. Schweigen trat ein. Erwartungsvolle Aufmerksamkeit. Endlich kamen sie, drei junge Frauen, Gitarren tragend, die Gesichter von breitkrempigen Hüten beinahe verdeckt. Sie stürzten auf die Knie, sobald sie die Stufen der Estrade erklommen hatten.
Eine von ihnen betete laut. Sie hob den Kopf empor, schloß aber die Augen. Die Stimme war schneidend wie ein Messer. Während des Gebetes war es still. Gassenjungen und Hafengesindel waren noch nicht recht in Zug gekommen. Sie warteten auf die Geständnisse und die anregenden Melodien.
Die Frauen machten sich ans Werk. Sie sangen und beteten, sangen und predigten. Sie lächelten und sprachen von ihrem Glück. Vor sich hatten sie ein Parterre von Hafengesindel. Die begannen aufzustehen, sie sprangen auf die Bänke. Ein drohender Lärm erhob sich in den Scharen. Die Frauen auf der Estrade sahen furchtbare Gesichter durch die rauchige Luft schimmern. Die Männer hatten feuchte, schmutzige Kleider, die übel rochen. Sie spien jeden Augenblick Tabak aus und fluchten bei jedem Wort. Diese Frauen, die gegen sie kämpfen wollten, sprachen von ihrem Glück.
Wie tapfer war diese kleine Armee! Ach, ist es nicht schön, tapfer zu sein, ist es nicht ein Hochgefühl, Gott mit sich zu haben! Es half nichts, über die mit den großen Hüten zu lachen. Es war höchstwahrscheinlich, daß sie die schwieligen Hände, die grausamen Gesichter, die lästernden Lippen besiegen würden.