Dann hatten sie in einem Waldesdickicht gelegen. Sie hatten gegessen und getrunken, gespielt und gelacht. Nicht ein Gedanke an vergangne Zeiten! Das Gewissen schwieg wie ein gesättigtes Kind. Früher, wenn der erste Mann betrunken an ihrem Fenster vorbeigetaumelt war, hatte sie einen Stich in der Seele gefühlt.
Dann hatte sie gehört, daß er der Abgott der Heilsarmee geworden sei. Sie fühlte sich daher ganz ruhig. Jetzt war sie gekommen, um ihn zu hören. Und sie verstand ihn. Er sprach nicht von Uria. Er erzählte von sich selbst. Er wand sich unter dem Gedanken an sein eignes Opfer. Er riß Stücke aus seinem eignen Herzen und warf sie unter das Volk. Sie kannte diesen Wüstenreiter, diesen Besieger der Räuber. Und diese ungestillte Qual starrte sie an wie ein offnes Grab. –
Es wurde Nacht. Der Wald wurde menschenleer. Lebt wohl nun, Grün und Blumen! Weiter Himmel, lebe wohl auf lange! Die Schlangen begannen um die Hügel zu kriechen. Die Kröten sprangen über den Weg. Der Wald wurde häßlich. Alle sehnten sich heim nach der Steinwüste, nach der Mondlandschaft. Dort ist es für Menschen gut sein. Vielleicht können leidende Herzen dort einer raschen Versteinerung entgegengehen.
Frau Anna Erikson lud ihre alten Freundinnen zusammen. Die Handwerkersgattinnen der Vorstadt und die Scheuerfrauen kamen zu ihr zum Vormittagskaffee. Es waren dieselben da, die am Tage der Flucht bei ihr gewesen waren. Eine war neu hinzugekommen, Maria Anderson, die Kapitänin der Heilsarmee.
Anna Erikson hatte nun viele Wandrungen zur Heilsarmee unternommen. Sie hatte ihren Mann gehört. Er erzählte immer von sich selbst. Er verkleidete seine Geschichte. Sie erkannte sie immer. Er war Abraham. Er war Hiob. Er war Jeremias, den das Volk in den Brunnen warf. Er war Elisa, den die Kinder auf dem Wege verhöhnten.
Dieser Schmerz erschien ihr bodenlos. Dieser Kummer lieh sich alle Stimmen, er machte sich Masken aus allem, was ihm begegnete. Sie begriff nicht, daß der Mann sich gesund sprach, daß es in seinem Innern leuchtete und lachte vor Freude über die Dichtermacht.
Sie hatte ihre Tochter mit zur Armee geschleppt. Die Tochter hatte nicht gehen wollen. Sie war sittsam, streng, pflichttreu. Keine Jugend spielte in ihrem Blut. Sie war alt geboren.
Sie hatte sich ihres Vaters immer geschämt. So war sie herangewachsen. Sie ging gerade, herbe, gleichsam als sagte sie: „Seht, eines verachteten Mannes Tochter! Seht, ob Staub auf meinem Kleide ist! Ist ein Tadel auf meinem Wandel?“ Ihre Mutter war stolz auf sie. Dennoch seufzte sie bisweilen: „Ach, daß meiner Tochter Hände weniger weiß wären, vielleicht wären dann ihre Liebkosungen wärmer!“
Das Mädchen saß in der Armee, spöttisch lächelnd. Sie verachtete die Theatervorstellung. Als ihr Vater hinauftrat, um zu sprechen, wollte sie gehen. Frau Anna Eriksons Hand umklammerte die ihre fest wie eine Zange. Das Mädchen blieb sitzen. Der Wortstrom begann über sie hinzubrausen. Aber was zu ihr sprach, waren nicht so sehr die Worte, als die Hand ihrer Mutter.