Der Junge hat das Gefühl, der Gärtner halte es für weit unter seiner Würde, einem so kleinen Wicht wie diesem Jungen den Garten zu zeigen, deshalb wagt er gar nichts zu fragen, sondern läuft nur mit, und lange Zeit wirft ihm der Gärtner nur ab und zu eine Bemerkung hin. Gleich hinter der Mauer ist eine dichte Hecke, und während die beiden hindurchgehen, sagt der Gärtner, diese heiße er den Kolmården.
„Ja, sie ist so groß, daß sie so einen Namen wohl verdient,“ erwidert der Junge. Aber der Gärtner hört gar nicht auf das, was Nils Holgersson sagt.
Jetzt haben sie das Buschwerk hinter sich, und der Junge kann einen ansehnlichen Teil des Gartens überschauen. Da sieht er gleich, daß dieser keine besonders große Ausdehnung hat, er mag wohl kaum ein paar Morgen groß sein. Im Süden und Westen beschützt ihn die Mauer, aber gegen Norden und Osten ist er von Wasser umgeben, da braucht er keine Einfriedigung.
Jetzt bleibt der Gärtner stehen, um eine Ranke aufzubinden, und der Junge hat Zeit, sich umzusehen. Er hat zwar in seinem Leben noch nicht viele Gärten gesehen, aber er hat das Gefühl, daß dieser hier ganz anders sei, als jeder andre Garten. Darüber ist er keinen Augenblick im Zweifel, daß er in ganz altmodischer Weise angelegt sein muß, denn eine so überwältigende Menge von kleinen Hügeln und kleinen Blumenbeeten und kleinen Hecken und kleinen Rasenflecken und kleinen Gartenhäuschen sieht man jetzt nirgends mehr. Und ebensowenig einen solchen Durcheinander von kleinen Teichen und gewundenen Kanälen, wie hier auf allen Seiten zu sehen sind.
Überall stehen herrliche Bäume und liebliche Blumen, und in den kleinen Kanälen ist durchsichtig klares, tiefgrünes Wasser, in dem sich alles ringsum widerspiegelt. Dem Jungen kommt es vor, als sei dies das Paradies. Er schlägt vor Entzücken die Hände zusammen und ruft: „So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen! Was ist doch das für ein wunderschöner Garten?“
Kaum hat der Junge diesen Ausruf getan, da wendet sich der Gärtner rasch nach ihm um und sagt mit seiner barschen Stimme: „Der Garten heißt Sörmland. Wer bist du denn, daß du das nicht weißt? Er hat von jeher für einen der schönsten Gärten im ganzen Lande gegolten.“
Bei dieser Antwort wird es dem Jungen wohl ein wenig wunderlich zumute; aber er hat so viel zu sehen, daß er gar keine Zeit hat, weiter über den Sinn dieses Ausspruchs nachzudenken. Aber so schön alle die vielen Blumen und die durch die Rasenflächen sich hinschlängelnden Kanäle auch sind, so macht dem Jungen doch etwas andres noch viel mehr Spaß, nämlich die vielen kleinen Lauben und Puppenhäuschen, die überall durch die Bäume hindurchschimmern. Sie sind im ganzen Garten verstreut, aber die meisten stehen doch am Rande der kleinen Teiche und der Kanäle. Es sind jedoch gar keine richtigen Häuser, denn sie sind so klein, wie wenn sie für Leute gebaut wären, die nicht größer sind als der Junge selbst; aber alle sind außerordentlich hübsch und fein ausgestattet. Und alle Arten von Gebäuden sind vertreten: die einen sehen aus wie Schlösser mit Türmen und Seitenflügeln, andre wie Kirchen und wieder andre wie Mühlen und Bauernhäuser.
Ja, alle sind außerordentlich hübsch, und der Junge hätte am liebsten bei jedem einzelnen Gebäude Halt gemacht, um es genau zu betrachten, aber er wagt nicht, vom Pfad abzuweichen, sondern geht nur immer hinter dem Gärtner her. Bald erreichen sie ein Gebäude, das größer und stattlicher ist als alle vorhergehenden. Es ist ein dreistöckiges Schloß mit großem Portal und breiten Seitenflügeln, das auf einem Hügel mitten zwischen Blumenbeeten steht, und der Weg dahin führt auf kleinen zierlichen Brücken über einen Kanal nach dem andern.
Der Junge folgt dem Gärtner noch immer gewissenhaft dicht auf den Fersen, er wagt nicht, etwas andres zu tun; aber als er an all dem Schönen vorübergehen muß, entschlüpft ihm ein tiefer Seufzer, den der gestrenge Herr nicht überhören kann. Er bleibt stehen und sagt: „Dieses Gebäude hier heißt Eriksberg. Wenn du hineingehen willst, habe ich nichts dagegen; aber hüte dich vor der Pintorpafrau.“
Wer sich das nicht zweimal sagen läßt, das ist der Junge. Er läuft die Allee hinunter. Alles scheint genau für so einen kleinen Kerl, wie er ist, ausgemessen zu sein. Die Treppenstufen haben die richtige Höhe, und er kann jede Türklinke aufmachen. Aber nie hätte er gedacht, daß er je so etwas Schönes zu sehen bekäme! Die eichenen Fußböden sind glänzend gebohnt, die Zimmerdecken gegipst und reich bemalt. An den Wänden hängt Bild an Bild, die mit Seidenstoff überzogenen Sofas und Sessel haben vergoldete Lehnen. Er kommt in ein Zimmer, wo die Wände über und über mit Büchern bedeckt sind, und wieder in Gemächer, wo auf den Tischen und in den Schränken herrliche Kostbarkeiten liegen. Der Junge beeilt sich soviel wie möglich, aber er ist eben doch erst durch das halbe Haus gegangen, als der Gärtner ihn auch schon ruft, und als er heraustritt, steht der Alte davor und kaut ungeduldig an seinem Schnurrbart.