Das Zimmer war sehr klein; zwischen dem Bett und dem Schreibtisch war kein breiter Raum, und der Student konnte die Bücher und Papiere, das Schreibzeug und die Photographien auf dem Tische alle deutlich sehen. Wie merkwürdig: ganz ebenso deutlich wie alles andre sah er auch einen ganz kleinen Knirps, der sich eben über die Butterdose neigte und sich ein Butterbrot zurechtmachte.
Der Student hatte im Laufe des Tages so viel erlebt, daß er allem, was ihm noch passieren konnte, fast ganz gleichgültig gegenüberstand. Er erschrak nicht und verwunderte sich auch nicht, sondern nahm es als etwas ganz Natürliches hin: dieser kleine Knirps war hereingekommen, sich etwas zum Essen zu holen.
Ohne die Lampe zu löschen, legte sich der Student wieder zurück und betrachtete den Knirps mit halbgeschlossenen Augen, der jetzt ganz seelenvergnügt auf einem Briefbeschwerer saß und sich an den Überresten von des Studenten Abendessen labte. Er zog seine Mahlzeit absichtlich so lange wie nur möglich hinaus, ja, er verdrehte die Augen vor Wohlbehagen und schmatzte mit der Zunge. Die trockene Brotrinde und die Käsereste schienen offenbar seltene Leckerbissen für den kleinen Kerl zu sein.
Der Student wollte ihn bei seiner Mahlzeit nicht stören, aber als er vollständig satt zu sein schien, redete er ihn an:
„Hallo, du, was bist denn du für ein Kerlchen?“ fragte er.
Der Junge fuhr zusammen und lief ans Fenster; als er aber merkte, daß der Student ganz ruhig liegen blieb und ihn nicht verfolgte, hielt er inne.
„Ich bin Nils Holgersson von Westvemmenhög,“ begann er. „Und ich bin ein Mensch wie du auch, aber ich bin in ein Wichtelmännchen verwandelt worden, und seitdem ziehe ich mit den Wildgänsen umher.“
„Das ist ja eine sonderbare Geschichte,“ sagte der Student. Und dann fragte er den Jungen aus, bis er ungefähr alles wußte, was Nils Holgersson seit seinem Weggange von Hause widerfahren war.
„Du hast es wahrhaftig gut,“ seufzte der Student. „Ach, wer doch an deiner Stelle wäre und alle seine Sorgen hinter sich lassen könnte!“