Gegen Mittag spähte Akka wieder nach den Adlern aus. Das hatte sie nun in jedem Sommer, seit sie in diesem Tale Aufenthalt nahm, getan. Sie sah auch den Adlern immer schon am Fluge an, ob sie eine gute Jagd gehabt hatten, und dann fühlte sie sich für die Ihrigen beruhigt. Aber heute kehrten die Adler nicht zurück.

„Ich muß alt und stumpfsinnig geworden sein,“ dachte Akka, nachdem sie eine Weile gewartet hatte. „Die Adler müssen ja längst daheim sein.“

Am Nachmittag schaute sie abermals nach der Felsenwand hinauf; jetzt hätten die Adler auf dem schroffen Felsenvorsprung auftauchen müssen, wo sie ihre Nachmittagsruhe zu halten pflegten; und am Abend spähte sie abermals, denn da pflegten die Adler im Bergsee ein Bad zu nehmen; aber immer und immer spähte sie vergeblich. Und wieder jammerte Akka, daß sie alt werde. Sie war es so gewohnt, die Adler über sich auf dem Berge zu sehen, deshalb konnte sie sich gar nicht denken, daß sie noch nicht zurückgekehrt sein könnten.

Am nächsten Morgen war Akka schon früh auf den Beinen, und wieder schaute sie nach den Adlern aus. Aber auch jetzt sah sie nichts von ihnen. Dagegen drang durch die Morgenstille ein Schrei an ihr Ohr, der zornig und jämmerlich zugleich klang und aus dem Neste zu kommen schien.

„Sollte da droben wirklich ein Unglück geschehen sein?“ dachte Akka. Sie breitete die Flügel aus und flog so hoch hinauf, daß sie in das Adlernest hineinsehen konnte.

Da oben war nichts von dem Adlerpaar zu entdecken; im ganzen Neste war niemand als ein halbnacktes Junges, das nach Nahrung schrie.

Langsam und zögernd ließ sich Akka zu dem Adlernest hinabsinken. Das war ein unheimlicher Ort! Man merkte gleich, was für Räuber hier wohnten. In dem Neste und auf der Felsenplatte lagen gebleichte Knochen, blutige Federn und Hautfetzen, Hasenköpfe, Vogelschnäbel und federnbesetzte Füße von Schneehühnern. Auch das Adlerjunge, das mitten in allen diesen Überbleibseln lag, bot mit seinem großen aufgesperrten Schnabel, seinem unbeholfenen flaumigen Körper und seinen unfertigen Flügeln einen widerwärtigen Anblick.

Schließlich überwand Akka ihren Widerwillen und setzte sich auf den Rand des Nestes, sah sich aber doch ängstlich nach allen Seiten um, denn sie war darauf gefaßt, die alten Adler im nächsten Augenblick dahersausen zu sehen.

„Gut, daß endlich jemand kommt!“ rief das Adlerjunge. „Verschaff mir sogleich etwas zu essen!“

„Na na, das hat wohl keine so große Eile,“ sagte Akka. „Sag mir zuerst, wo deine beiden Eltern sind.“