So oft dies geschah, brachen die Raubtiere in ein lautes, vergnügtes Gebrüll aus, besonders wenn die Fackel über einer Kuh oder sonst über einem größern Tier gesenkt wurde. Aber das Tier, auf das sich also die Fackel herabsenkte, stieß einen lauten, gellenden Schrei aus, als würde ihm ein Messer ins Herz gestoßen, und die ganze Herde, zu der es gehörte, brach gleichfalls in lautes Klagen aus.
Jetzt begann der Propst zu verstehen, was er hier vor sich sah. Er hatte früher schon von einer Sage gehört, nach der sich die Haustiere von Delsbo in jeder Neujahrsnacht auf dem Blackåsen versammeln müßten, damit der Waldgeist da die Tiere bezeichnen könnte, die im Lauf des nächsten Jahres den Raubtieren zum Opfer fallen sollten. Der Propst wurde von innigem Mitleid erfaßt für das arme Vieh, das also in die Gewalt der Raubtiere verfiel, obgleich es ja eigentlich keinen andern Herrn haben sollte als den Menschen.
Kaum war die erste Herde wieder abgezogen, als auch schon der Ton einer neuen Kuhglocke aus dem Walde ertönte und der Viehstand von einem andern Hofe den Berg heraufgezogen kam. Alles verlief in ganz derselben Weise wie das erstemal. Die Tiere gingen zu dem Waldgeist hin, der streng und ernst da droben stand und da ein Tier und dort ein Tier als dem Tode verfallen bezeichnete. Und nach dieser Herde kam ohne Unterbrechung eine Schar um die andre daher. Einige von den Herden waren so klein, daß sie nur aus einer einzigen Kuh und einigen Schafen bestanden; andre wieder bestanden nur aus ein paar Geißen. Man sah, diese kamen aus kleinen, ärmlichen Waldhütten; aber auch sie mußten vor den Waldgeist, und weder die einen noch die andern blieben verschont.
Der Propst dachte an die Bauern von Delsbo, die eine so große Liebe für ihre Haustiere hatten. ‚Wenn sie das nur wüßten, würden sie es nicht auf diese Weise geschehen lassen!‘ dachte er. ‚Sie würden eher ihr eignes Leben wagen, als ihren Viehstand zwischen Bären und Wölfen zum Waldgeist hinwandern und diesen das Urteil über sie fällen lassen.‘
Die letzte Schar, die herankam, war der Viehstand des Pfarrhofs. Der Pfarrer erkannte von weitem die Glocke der Leitkuh, und das mußte auch das Pferd getan haben. Es begann an allen Gliedern zu zittern, und sein Körper bedeckte sich mit Schweiß. ‚Jaso, nun ist die Reihe an dir, am Waldgeist vorüberzugehen und dein Urteil zu vernehmen,‘ sagte der Propst zu dem Pferd. ‚Aber fürchte dich nicht! Ich verstehe, warum du mich hierher geführt hast, und werde dich nicht verlassen.‘
Der prächtige Viehstand des Pfarrhofs tauchte in einem langen Zug aus dem Walde auf und ging auf die Raubtiere und den Waldgeist zu. Den Schluß des Zuges bildete das Pferd, das seinen Herrn auf den Blackåsen gebracht hatte. Der Propst war nicht abgestiegen, sondern saß ruhig im Sattel und ließ sich von dem Tier zum Waldgeist hintragen.
Der Propst hatte weder eine Flinte noch ein Messer zu seiner Verteidigung; aber er hatte das Kirchenbuch herausgenommen und drückte es fest an die Brust, als er sich jetzt in Kampf mit dem Unhold einließ.
Zuerst schien es, als habe niemand den Propst bemerkt. Genau wie die andern Herden wanderte auch die aus dem Pfarrhof an dem Waldgeist vorüber, und dieser senkte seine Kienfackel nicht ein einziges Mal. Erst als das kluge Pferd vorüberging, machte er eine Bewegung, um es für den Tod zu kennzeichnen.