Die Wildgänse flogen auf einen der jenseits vom Herrenhof gelegenen großen Äcker und weideten da ein paar Stunden lang das Wintergras ab. Inzwischen ging der Junge in den an den Acker anstoßenden großen Park hinein und spähte eifrig, ob nicht an den Zweigen der Haselsträucher da und dort noch eine Haselnuß vom vergangenen Herbst zu finden wäre. Aber während er so im Parke umherstreifte, tauchte der Gedanke an die Heimreise einmal ums andre drohend vor seiner Seele auf. Immer wieder mußte er sich ausmalen, wie schön er es haben würde, wenn er bei den Wildgänsen bleiben dürfte. Hungern und frieren würde er freilich oftmals müssen, dafür aber wäre er auch aller Arbeit und allem Lernen enthoben.

Während er noch diesen Gedanken nachhing, ließ sich plötzlich die alte graue Gans neben ihm nieder und fragte ihn, ob er etwas Eßbares gefunden habe. Nein, er habe nichts gefunden, antwortete der Junge. Da versuchte Akka ihm zu helfen, aber auch sie fand keine Haselnüsse, entdeckte jedoch dafür ein paar Hagebutten, die noch an einem wilden Rosenbusch hingen. Der Junge verzehrte sie mit gutem Appetit; aber er fragte sich doch, was wohl seine Mutter sagen würde, wenn sie wüßte, daß ihr Sohn sich mit rohen Fischen und ausgefrornen Hagebutten das Leben fristete.

Als die Wildgänse endlich satt geworden waren, zogen sie wieder an den See hinunter und trieben da bis zur Mittagszeit allerlei Kurzweil. Sie forderten den weißen Gänserich zum Wettbewerb in ihren Künsten heraus, im Springen, Fliegen und Schwimmen, und der große zahme tat sein Bestes, aber die flinken Wildgänse liefen ihm in allem den Rang ab. Während dieser ganzen Zeit saß der Junge auf dem Rücken des Gänserichs, feuerte diesen an und war eben so vergnügt wie die andern. Das war ein Geschrei und Gelächter und Gegacker, und es war nur zu verwundern, daß die Herrschaft auf dem Schloß nicht darauf aufmerksam wurde.

Nachdem die Wildgänse des Spielens überdrüssig geworden waren, flogen sie auf das Eis hinüber und pflegten ein paar Stunden der Ruhe. Den Nachmittag verbrachten sie fast ganz auf dieselbe Weise wie den Vormittag, zuerst weideten sie ein paar Stunden, dann badeten und spielten sie am Rande des Eises bis zum Sonnenuntergang, und dann stellten sie sich auf dem Eise auf, wo sie auch sogleich einschliefen.

„Ja, so ein Leben würde mir gerade gefallen,“ dachte der Junge, als er am Abend unter den Flügel des Gänserichs kroch. „Aber morgen werde ich wohl fortgeschickt werden.“

Bevor er einschlief, überlegte er noch einmal alle Vorteile, die ihm aus der Reise mit den Wildgänsen erwachsen würden. Er würde nicht gescholten, wenn er faul wäre, den lieben langen Tag hindurch könnte er dem lieben Gott die Zeit abstehlen, und seine einzige Sorge wäre, wie er sich etwas Eßbares verschaffen könnte. Doch er brauchte ja jetzt so wenig zu seinem Unterhalt, da würde sich schon Rat schaffen lassen.

Und dann malte er sich aus, was er alles zu sehen bekäme, und wie viele Abenteuer er erleben würde. O das wäre etwas ganz anderes als die Arbeit und Schinderei daheim. „Ach, wenn ich doch die Wildgänse auf dieser Reise begleiten dürfte, dann wollte ich mich über meine Verwandlung gewiß nicht grämen!“ dachte er.

Er hatte jetzt vor nichts Angst, als nach Hause geschickt zu werden; aber auch am Mittwoch mahnten die Wildgänse nicht an die Abreise. Der Tag verging wie der vorhergehende, und dem Jungen gefiel das ungebundene Leben im Freien immer besser.

Er war der Meinung, er habe den einsamen Park, der so groß war wie ein Wald, ganz für sich allein, und er fühlte durchaus keine Sehnsucht nach der engen Stube und den kleinen Äckerchen seiner Heimat.