Sie starrte das Ding, das sich drunten auf dem Kiesweg bewegte, unverwandt an, und ihre Augen glühten. Schließlich aber gewann die Neugierde die Oberhand; sie flog auf den Boden hinunter, um sich das fremde Geschöpf in der Nähe zu betrachten.
Als Nils Holgersson zu sprechen anfing, beugte sich die Eule vor und sah ihn genau an. „Er hat weder Krallen noch einen Stachel,“ dachte sie; „aber wer weiß, ob er nicht einen Giftzahn oder sonst eine Waffe hat, die noch gefährlicher sein könnte. Es ist gewiß am besten, ich verschaffe mir zuerst etwas nähere Auskunft über ihn, ehe ich mich mit ihm einlasse.“
„Der Hof heißt Mårbacka,“ sagte sie dann; „und in früheren Zeiten haben ausgezeichnete Menschen hier gewohnt. Aber wer bist denn du?“
„Ich habe die Absicht, mich hier niederzulassen,“ sagte der Junge, ohne eine direkte Antwort auf die Frage der Nachteule zu geben. „Meint Ihr, das ließe sich einrichten?“
„O ja, obgleich der Hof jetzt nichts Besonderes mehr ist, im Vergleich zu dem, was er früher war,“ antwortete die Eule. „Aber man kann immerhin hier leben; es kommt ja auch hauptsächlich darauf an, wovon du hier leben willst. Hast du im Sinn, dich auf die Mäusejagd zu legen?“
„Nein, Gott soll mich davor bewahren!“ rief der Junge. „Es ist wohl mehr Gefahr vorhanden, daß die Mäuse mich auffressen, als daß ich ihnen ein Leid antue.“
„Ob er wirklich so wenig gefährlich ist, wie er sagt? Das ist doch wohl nicht möglich,“ dachte die Eule; „aber ich glaube, ich will doch einen Versuch machen.“ Sie flog auf, und im nächsten Augenblick hatte sie ihre Krallen in Nils Holgerssons Schultern geschlagen und hackte nun nach seinen Augen. Nils hielt die eine Hand zum Schutz vor die Augen, während er sich mit der andern zu befreien suchte und zugleich aus Leibeskräften um Hilfe schrie. Er fühlte, daß er in wirklicher Lebensgefahr schwebte, und sagte sich, diesmal werde es ganz gewiß aus mit ihm sein.
Aber nun muß ich erzählen, wie wunderbar es sich traf, daß gerade in diesem Jahre, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, in Schweden eine Schriftstellerin war, die ein Buch über Schweden schreiben sollte, das den Kindern als Lesebuch in der Schule dienen könnte. Von Weihnachten bis zum Herbst hatte sie sich über ihre Aufgabe besonnen; aber bis jetzt war noch nicht eine einzige Zeile an dem Buche geschrieben, und schließlich war sie der ganzen Aufgabe so überdrüssig geworden, daß sie sich sagte: „Auf diese Weise bringst du nichts zustande, setz dich lieber hin und dichte Geschichten und Märchen wie sonst, und laß jemand anders dieses Buch schreiben, das lehrreich und ernst sein soll und in dem kein unwahres Wort stehen darf.“