Wie wir alle wissen, ist das Meer wild und anmaßend, und der seinen Angriffen am meisten ausgesetzte Teil Schwedens ist deshalb schon vor langer, langer Zeit durch eine lange und breite steinerne Mauer geschützt worden, die Bohuslän heißt. Die Mauer ist ungefähr so breit, daß sie das ganze Land zwischen Dalsland und dem Meere ausfüllt, aber sie ist nicht besonders hoch, wie das bei den Uferdämmen und Wellenbrechern meistens zu sein pflegt; sie ist aus gewaltigen Felsblöcken errichtet, und an manchen Stellen sind ganze Bergrücken eingefügt worden. Das Bauen mit kleinen Steinen hätte auch gar keinen Wert gehabt, wo es sich darum handelte, einen Schutzwall gegen das Meer aufzurichten, der sich vom Iddefjord bis zum Götaälf erstrecken sollte.

Solche großen Bauwerke werden ja in unsern Tagen nicht mehr hergestellt; diese Mauer ist auch ungeheuer alt, und es kann nicht geleugnet werden, daß der Zahn der Zeit tüchtig an ihr genagt hat. Die großen Felsblöcke liegen nicht mehr so dicht beieinander, wie dies im Anfang wohl der Fall gewesen war. Dazwischen haben sich tiefe und breite Spalten gebildet, in denen Häuser und Felder Platz gefunden haben. Die Felsblöcke liegen aber doch nicht gar zu weit voneinander; man kann noch gut sehen, daß sie einst zu der obengenannten Mauer gehört haben.

Auf ihrer Landseite ist die große Mauer noch am besten erhalten. Da führt sie lange Strecken weit ununterbrochen und unzerstört hin. Aber in ihrer Mitte sind lange tiefe Risse mit Seen auf dem Grunde, und gegen die Küste zu ist sie ganz verfallen, da liegt jeder einzelne Felsblock wie ein Hügel für sich da.

Erst wenn man die große Mauer unten von der Küste aus sieht, versteht man, daß sie nicht nur zu ihrem Vergnügen gerade an dieser Stelle steht. Wie stark sie auch im Anfang gewesen sein mochte, an sechs bis sieben Stellen ist das Meer durchgebrochen und hat Fjorde gebildet, die mehrere Meilen lang sind. Der äußerste Teil steht überdies ganz unter Wasser, und man sieht nur die Gipfel der Felsblöcke über dem Meere aufragen. So haben sich allmählich viele große und kleine Inseln, die Schären, gebildet, und diese müssen den schlimmsten Angriffen des Sturmes und des Meeres standhalten.

Nun könnte man vielleicht glauben, eine Landschaft, die eigentlich nur aus einer steinernen Mauer bestehe, müsse ganz und gar unfruchtbar sein, und die Menschen dort könnten sich gar nicht fortbringen; aber damit ist es trotzdem nicht so ganz schlecht bestellt; wenn auch die Hügel und Hochebenen in Bohuslän nackt und kahl sind, so hat sich dafür in allen den Schluchten fruchtbares Erdreich angesammelt, das sich, wenn auch die Felder selbst nicht gerade sehr groß sind, doch vortrefflich zum Ackerbau eignet. In der Regel ist der Winter an der Küste auch nicht so kalt wie weiter drinnen im Lande, und an den vor dem Wind geschützten Stellen gedeihen gegen Kälte empfindliche Bäume und Pflanzen, die sich sonst kaum weiter droben als in Schonen finden.

Und ebensowenig darf man vergessen, daß Bohuslän an der Grenze der großen Flur liegt, die allen Menschen auf der Welt gemeinsam gehört. Die Leute von Bohuslän können Wege benützen, die sie nicht erst zu bauen, noch im Stand zu halten brauchen. Sie können Herden einfangen, die sie nicht zu bewachen noch auf die Weide zu führen haben, und ihre Beförderungsmittel werden von Zugtieren gezogen, denen sie weder Futter noch Obdach gewähren müssen. Deshalb sind sie auch nicht so abhängig vom Ackerbau oder von der Viehzucht wie die Bewohner andrer Bezirke, und sie fürchten sich nicht, ihr Heim auf sturmgepeitschten Schären aufzuschlagen, wo kein Grashälmchen wächst, oder auf den schmalen Streifen Uferland am Fuße der Berge, wo kaum Platz zu einem kleinen Kartoffelfeld ist; denn sie wissen, daß das große reiche Meer ihnen alles geben kann, was sie bedürfen.

Aber wenn es wahr ist, daß das Meer unendlichen Reichtum birgt, so ist es nicht weniger wahr, daß der eine schwierige Aufgabe hat, der sich mit ihm abgeben muß. Wer sein Auskommen vom Meere gewinnen will, muß alle Fjorde und Buchten, alle Untiefen und Strömungen kennen, kurz gesagt, er muß von jedem Stein auf dem Meeresgrunde Bescheid wissen. Durch Sturm und Nebel hindurch muß er sein Boot führen und in der schwärzesten Nacht seinen Weg finden können. Er muß es verstehen, die Zeichen in der Luft zu deuten, die böses Wetter verkünden, und er darf sich aus Kälte und Nässe nichts machen. Er muß wissen, wo der Zug der Fische geht und wo die Hummern kriechen, er muß schwere Netze hereinziehen und auch die Netze bei unruhiger See auswerfen können. Zuerst und vor allem aber muß er ein mutiges Herz in der Brust tragen, das nichts danach fragt, ob im Kampf gegen das Meer jeden Tag das Leben aufs Spiel gesetzt wird.

An dem Morgen, wo die Wildgänse über Bohuslän hinflogen, war es still und friedlich zwischen den Schären. Sie sahen mehrere kleine Fischerdörfer; aber es war kein Leben auf den schmalen Gassen, niemand ging in den hübsch angestrichenen Häuschen aus und ein. Die braunen Fischnetze hingen in guter Ordnung auf dem Trockenplatze, die schweren grünen oder blauen Fischerboote lagen mit angeschlagenen Segeln auf dem Strand. Keine Frauen arbeiteten an den langen Tischen, wo man sonst Dorsche und Heilbutten zu reinigen pflegte.

Die Wildgänse flogen auch über mehrere Lotsenstationen hin. Die Lotsenhäuser waren schwarz und weiß angestrichen, die Signalstange ragte daneben empor, und der Lotsenkutter lag vertäut an der Brücke. Dort war ringsumher alles still, nirgends war ein Dampfer in Sicht, der in dem engen Fahrwasser Hilfe gebraucht hätte.