„Er hat jetzt keine Schmerzen mehr, aber es ist, als stehe das Herz still. Schon seit einer Stunde liegt er ganz regungslos da. Wir wissen kaum, ob er noch lebt.“

„Gibt der Doktor keine Hoffnung?“

„Es kann gehen, wie es will, Larsson, ja es kann gehen, wie es will. Es ist, als lausche er immerfort auf einen Ruf. Kommt dieser Ruf von oben, so muß er ihm folgen.“

Nils Holgersson lief rasch den Weg hinunter, um die Lehrerin und die Kinder einzuholen; das Sterben seines Großvaters fiel ihm ein. Der Großvater war Seemann gewesen, und ganz zuletzt noch hatte er gebeten, man solle das Fenster aufmachen, damit er den Wind noch einmal rauschen höre. Wenn nun der Kranke dort drüben mit so großer Vorliebe im Kreise der Jugend geweilt hatte und ihren Liedern und Spielen so gerne zuhörte …

Die Lehrerin ging unschlüssig die Allee hinunter. Jetzt, wo sie von Nääs wegging, war es ihr, als müsse sie wieder umkehren; vorhin aber war sie auch wieder umgekehrt. Ach, sie war noch immer gleich ängstlich und unsicher!

Sie sprach nicht mehr mit den Kindern, sondern ging schweigend ihres Weges dahin. In der Allee war so tiefer Schatten, daß sie nicht sehen konnte; aber es war ihr, als höre sie viele, viele Töne um sich her, und von allen Seiten drangen unzählige ängstliche Stimmen auf sie ein. „Wir sind gar so weit weg, alle wir andern,“ sagten die Stimmen. „Du aber bist ganz nahe. Geh und sing ihm vor, was wir alle fühlen!“

Und sie erinnerte sich an einen nach dem andern, denen der Vorsteher geholfen und für die er gesorgt hatte. Übermenschlich hatte er sich angestrengt, um allen Bedürftigen zu helfen. „Geh und sing ihm!“ flüsterte es um die Lehrerin her. „Laß ihn nicht sterben, ohne einen letzten Gruß von seiner Schule! Denke nicht, du seist gering und unbedeutend! Denk an die große Schar, die hinter dir steht! Gib ihm zu verstehen, ehe er von uns geht, wie innig wir ihn lieben!“

Die Lehrerin ging immer langsamer. Da hörte sie plötzlich einen Ton, der mit den Stimmen und mahnenden Rufen in ihrer Seele nichts zu tun hatte, sondern aus der äußern Welt um sie her an ihr Ohr drang. Es war keine gewöhnliche menschliche Stimme, es klang wie das Zwitschern eines Vogels, oder wie das Zirpen einer Heuschrecke. Aber es rief doch ganz deutlich, sie solle wieder umkehren.

Und mehr brauchte es nicht, um der kleinen Lehrerin den Mut zurückzugeben. –

Die Lehrerin und die Kinder hatten vor den Fenstern des Vorstehers ein paar Lieder gesungen, und selbst die Lehrerin meinte, der Gesang habe in dieser Abendstunde wunderbar schön geklungen; es war gewesen, wie wenn unbekannte Stimmen mitgesungen hätten. Der ganze Himmelsraum war wie von Tönen und Lauten erfüllt gewesen. Sie hatten den Gesang nur anzustimmen brauchen, da waren alle diese Töne erwacht und hatten mit eingestimmt.