Am elften Tage waren die beiden Königinnen zusammen und sahen dem Kampf-Spiele zu. Da sprach Krimhilde, voll Freude und Stolz auf Siegfried sehend:
Sieh' nur, Schwester, sieh' auf Siegfried! Habe ich nicht einen Mann, der wohl [verdiente] Herr zu sein über alle Länder?
Bist du allein auf der Welt mit deinem Siegfried? erwiderte Brunhilde [gereizt].
Harmlos sprach Krimhilde weiter: Aber so sieh' doch nur, Brunhilde, wie schön und stattlich er ist!
Mag sein, sagte Brunhilde; und er ist doch nur Gunthers Vasall.
Nicht Vasall, liebe Schwester, Gunthers [Genosse] ist er und ein König wie Gunther, sprach Krimhilde noch immer harmlos.
Nein, er ist Gunthers Vasall! rief Brunhilde. Das hat er mir selber gesagt, als er mit deinem Bruder nach Island kam.
Glaubst du, daß der stolze König von Burgund seine Schwester einem Vasallen giebt? Drum, liebe Schwester, lasse den Streit und wisse: er ist kein Vasall.
Den Streit laß' ich nicht! rief Brunhilde. Siegfried ist ein Vasall, und von heute an wird er mir besser dienen, als bisher!
Das wird er nicht, rief Krimhilde, denn Siegfried ist ein König, und er ist werter, als mein Bruder Gunther!