Otto: Und darum geht es mir auch immer so gut.
Bella: Das ist recht! Respekt soll man haben, Respekt vor uns!
Herr Meister: Haben Sie es gehört, mein guter Freund Louis? Wir müssen uns [fügen] in unser Schicksal; wir kämpfen [umsonst] dagegen an. Eine neue Zeit ist gekommen. Die früher Herren waren, sie werden nun Sklaven und die Sklavinnen werden zu Herrinnen.
Bella: Die Frauen — Sklavinnen? Das ist wohl nur Phantasie, Herr Meister!
Herr Meister: Keine Phantasie, mein Fräulein, sondern [Wirklichkeit].
Gretchen: Aber, Papa, war denn das Weib eine Sklavin bei Griechen oder Römern?
Herr Meister: Nein, mein Kind, sie war nicht Sklavin, aber sie war die erste Dienerin des Mannes. Was schön und was wahr ist, das haben uns wohl die Völker des [Altertums] gelehrt; aber das Weib zu ehren, — nicht. Es war erst ein christlicher Dichter, welcher sang: »Ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben.«
Gretchen: Willst Du damit sagen, Papa, daß erst mit dem Christentume eine bessere Zeit für die Frauen begonnen hat?
Herr Meister: Ganz recht, das will ich. Es war ein Weib, das Jesus Christus geboren hatte, und darum verehrte man Maria. Und später, als das Christentum sich mehr und mehr ausbreitete, waren es christliche Ritter und christliche Minne-Sänger, welche die Frauen verehrten, wie es nie ein Volk des Altertums getan hatte. Ich kenne keinen Dichter des Altertums, der so schön von den Frauen gesungen hat, wie Walter von der Vogelweide:
[IV-5][»Durhsüeßet] und geblüemet sint die reinen frouwen:
eß wart nie niht sô wünneclîches an ze schouwen
in lüften noch ûf erden noch in allen grüenen ouwen.
Liljen unde rôsen bluomen, swâ die liuhten
in meien touwen dur daß gras, und kleiner vogele sanc,
daß ist gein solher wünnebernden fröide kranc,
swâ man siht schœne frouwen. daß kan trüeben muot
erfiuhten,
Und leschet alleß trûren an der selben stunt,
sô lieblîch lache in liebe ir süeßer rôter munt
und strâle ûß spilnden ougen schieße in mannes herzen
grunt.«