Ein Sonnen-Untergang hier ist mild und freundlich, bei Euch ist er brillant; einem Sonnen-Untergang in Deutschland muß man mit Freude zusehen, einen solchen in Amerika bewundern. Ich sehe, wie Du über mich lachst, aber das mußt Du nicht tun.
Nun, liebe Bella, hast Du erraten, wo ich jetzt bin? Ein wenig leichter will ich es Dir machen: Es ist eine große Stadt, und ein großer Poet wurde dort geboren, dessen Mutter einst sehr schön war. Ich habe auch das Haus gesehen und das [Stübchen] unter dem Dache, wo er geträumt und gedichtet hat. Noch jetzt befinden sich in einem der Zimmer folgende Worte von seiner Hand:
»Und wer der [Dichtkunst] Stimme nicht [vernimmt],
Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.«
Kennst Du den Poeten, und weißt Du den Namen der Stadt? — Frankfurt am Main und [Goethe][V-1].
(Aus dem [Tagebuche]. Seite 117.)
»[Ehrfurchtsvoll] betritt mein Fuß diesen [Pfad], der aufwärts führt zwischen grünenden Hecken. Zur Rechten und zur Linken ruhen die Müden der Erde unter Blumen; aber vor mir, oben, steht von Marmor ein Tempel. Da bleibe ich stehen, und heilige, erhabene Scheu bewegt meine Seele; denn hier ruhen drei Fürsten: Der eine gebot, und [Sterbliche] hörten auf sein Wort; die zwei andern aber herrschten im Reiche des Geistes, sie waren Könige im Lande der Poesie. — Vereint, wie sie waren im Leben, sind sie es nun im Tode. Ihr Geist aber wirkt noch heute und wird wirken, so lange das Gute und Schöne [noch][V-2] Wert hat auf Erden.«
Weißt Du, teure Bella, in welcher Stadt wir waren? Die beiden größten unter den Poeten des modernen Deutschlands lebten hier. Ich war in ihren Häusern und ich glaube, daß die Deutschen [einstmals] diese Stadt so hoch preisen werden, wie die Griechen es taten mit Athen, und solltest Du den Namen »Weimar« nennen, so hast Du auch die Stadt erraten.
(Aus meinem [Tagebuche]. Seite 166.)