»Hört ihr Herren und laßt euch sagen:
Die Glocke hat zehn geschlagen.
[Nehmt in acht] das Feuer und Licht,
[Daß niemandem Schade geschicht.]«
Und jede Stunde machte der Mann die Runde und jede Stunde ließ er an allen Ecken seinen Gesang ertönen, bis die Uhr drei schlug. Da sang er folgendes:
»Hört ihr Herren und laßt euch sagen:
Die Glocke hat drei geschlagen!
Der Tag vertreibet die finstere Nacht,
Ihr lieben Christen, seid munter und wach
Man weiß ja nicht, wenn der liebe Gott kommt
Und uns in seiner Gnade wegnimmt.
Drum wachet alle Stund' und [lobet] Gott den Herrn.«
Dann war es still im Dorfe und ermüdet schlief ich endlich ein und schlief recht lange und erwachte, als die Sonne hoch am Himmel stand. — Weißt Du, liebe Schwester, was Spinn-Stuben-Lieder sind?
Dieselben Bauern-Mädchen, die so froh und lustig sind, wenn die Kirmes kommt, sind ernst und fleißig zu allen anderen Zeiten des Jahres; und im Winter am Abend kommen oft viele zusammen in einem Hause und jede bringt ihr Spinn-Rad mit. Da sitzen sie im Kreise und spinnen und erzählen Märchen und singen — Lieder, das sind Spinn-Stuben-Lieder.
Als wir aus dem Dorfe fahren wollten, sah ich zwei Kinder, es waren zwei Knaben. So schön habe ich noch niemals Knaben gesehen; der eine von ihnen war zwei und der andere drei Jahre alt. Ah, Bella, Bella, welche Augen! Welche Locken-Köpfe! Jetzt weiß ich, daß Raphael seine Cherubim-Köpfe auf Erden gesehen hat. — Ich werde sie niemals vergessen.
Nun aber, Schwester, will ich kein Wort mehr schreiben und nur sagen: Lebe wohl und grüße alle Freunde tausendmal von mir. Vergiß auch nicht, Louis zu grüßen von Deiner
Dich ewig liebenden Schwester
Anna.
Nachschrift: Und vergiß auch nicht, meinem lieben, kleinen Kanarien-Vogel ordentlich Hanf-Samen zu geben, und küsse ihn für mich und sage, daß ich recht oft an ihn denke und daß er brav sein soll in seinem kleinen Hause.