Die Mutter war mild und fromm und lieb, wie es eine Mutter nur sein konnte mit ihrem einzigen Sohne. Und wenn der Vater oft zu strenge gewesen war, so kam Friedrich zur Mutter und vergaß seinen kindlichen [Kummer]; und wenn die Mutter ihm eine Freude machen wollte, so erzählte sie ihm die Geschichten aus der Bibel. Dann lauschte er mit seinen beiden Schwestern.
Zuletzt sagte der kleine Friedrich: Ich will ein Prediger werden. Das war auch der Mutter lieb, und oft mußte sie lachen, wenn sie ihren Friedrich sah, wie er auf dem Stuhle stand und seinen Schwestern und Freunden eine Predigt hielt.
Einige Jahre später kam er zu einem Pastor und studierte fleißig, und seine Liebe zu diesem guten Manne war so groß, [daß er fest entschlossen war], auch ein Prediger zu werden, wie jener. Aber es sollte anders kommen.
In jener Zeit hatte der Herzog von Würtemberg ein Institut errichtet für die Söhne seiner Offiziere, und da er nur die besten Knaben für diese [Anstalt] wählen wollte, so kam er auch in Schillers Haus.
Frau Schiller aber mochte ihren Sohn nicht in jene Anstalt geben, denn er konnte dort keine Theologie studieren; und dann wollte sie gerne ihren einzigen, geliebten Sohn bei sich behalten. Aber der Herzog wollte und mußte seinen Willen haben. Dreimal war er gekommen, bis zuletzt Friedrich Schiller vom Eltern-Hause in die Anstalt kam, die später den Namen »Karls-Schule« erhielt.
Bella: An Frau Schillers Stelle würde ich den Sohn nicht in jene Anstalt gegeben haben.
Martha: Ah, meine liebe Bella, Du kennst den Herzog nicht. Er war ein arger Tyrann, wie die meisten Fürsten in jener Zeit — und das war eine böse, böse Zeit. Jeder Fürst, und war er noch so klein, wollte leben und herrschen, wie Ludwig XIV. von Frankreich es getan hatte. Sie bauten Paläste, Theater und Opern-Häuser, hielten Sänger und Ballett-Tänzer, hatten die großartigsten Parks und Gärten und dazu Luxus aller Art; aber das Geld zu diesen Herrlichkeiten nahmen sie von ihren [Unterthanen].
Die armen Menschen mußten schwer arbeiten wie Sklaven, damit ihre Herren [schwelgen] konnten; und als sie nichts mehr hatten und ihnen alles genommen war, da [ergriff] man ihre Person; von dem Vater und von der Mutter nahm man die Söhne; mit Gewalt [riß] man sie von ihren Herzen, sah nicht auf ihren Schmerz, hörte nicht auf ihre Klagen; — und die Söhne verkaufte man dann an England, und England schickte sie nach Amerika, — dort sollten sie kämpfen gegen Freiheit und Recht.
So [trieben es] in jener Zeit die meisten Fürsten, und auch der Herzog Karl. Als er älter war, wurde er freilich anders, und als er seinen fünfzigsten Geburts-Tag feierte, schrieb er ein langes Register seiner Sünden und versprach, sich zu bessern, und ließ dieses in allen Kirchen seines Landes vorlesen.
Diese Besserung aber und auch die Errichtung der Karls-Schule war das Werk seiner Gemahlin. Diese Herzogin war aber zuvor eines andern Mannes Frau gewesen; der Herzog hatte sie jedoch mit Gewalt zu sich genommen.