Dein trauriger Bruder Franz.«
Bald kam Karl zurück. Er trat in ihre Mitte und sprach dann mit lauter Stimme: Freunde, Kameraden, was für eine Welt ist das, in der wir leben, das Gute und das Große ist nirgends mehr, nur das Schlechte und das Gemeine ist überall. Seht: ich hatte einen Vater, den ich liebte und der mir teuer war, und noch vor wenigen Tagen schrieb ich ihm und bat ihn, mir mein Unrecht zu vergeben; ah, ich hatte ihn gebeten mit Worten, [die einen Stein erweicht hätten], — aber des Vaters Herz blieb hart. Seht, Freunde, so ist mein eigner Vater, so und noch schlimmer sind die Menschen alle in diesen Tagen. Die Menschheit ist zu tief gesunken, wir wollen sie [heben] und das Schlechte und die Tyrannei wollen wir vernichten. Wer von euch steht mir bei? wer von euch hat den Mut, Tod und Untergang zu schwören aller Tyrannei?
Wir alle stehn dir bei und schwören! riefen sie.
Wohlan, so laßt uns Räuber werden!
Und alle schrien: So laßt uns Räuber werden, und Karl von Moor sei [Hauptmann]!
Franz aber verfolgte seinen teuflischen Plan. Ein Mann, den er selbst [geschickt] hatte, kam eines Tages zum alten Grafen Moor und sagte, daß er ein Kamerad seines Sohnes Karl gewesen sei und daß er nun komme, um dem Vater seines Sohnes Tod [mitzuteilen]. Der alte Vater hörte und glaubte es und wurde so unglücklich und so krank, daß man sein nahes Ende befürchtete. Seine Nichte Amalie war bei ihm und trauerte mit ihm; denn sie liebte Karl und sie las laut aus der Bibel die Geschichte Jakobs und Josephs vor, und als sie an Jakobs Worte kam: Mein graues Haupt wird mit [Kummer] in die [Grube] fahren — da fiel der unglückliche Mann wie leblos zurück und [Amalie][II-3] schrie auf: Er stirbt, er stirbt! und alle dachten der Graf von Moor sei tot und jetzt wäre Franz Herr im Schlosse.
Karl von Moor [befand sich jetzt an der Spitze] einer großen Räuber-Bande in den böhmischen Wäldern. Er war zum [Schrecken] aller Tyrannen, aller Reichen und aller großen Herren geworden, welche Übles taten, — den Armen, den [Schwachen] und den [Bedrückten] aber gab und half er. Eine neue Ordnung der Dinge wollte er [schaffen] und allen Menschen wollte er gleiche Rechte geben. Seine Ideen erfüllten seine Leute mit Begeisterung, und sie kämpften so mutig, daß sie immer siegten gegen des Königs Soldaten.
Es war am Abend nach einer solchen [Schlacht], als Karl von Moor allein im Walde unter den Bäumen ruhte, daß er recht traurig wurde, da er über sein Leben nachdachte. Er hatte Glück [verbreiten] wollen — und bis heute hatte er es nur vernichtet. Städte hatte er durch Feuer zerstört, Saaten und Felder hatte er in den Schlachten zerstampft und dann — o, wie das Wimmern und Klagen der Witwen und [Waisen] in seinen Ohren ertönte! Ah, zu spät mußte er lernen, daß er einst zu schnell gehandelt hatte; zu spät mußte er sehen, daß es nicht eines Menschen Werk sei, für alle zu sorgen, daß Gott allein in seiner Allweisheit, in seiner Allmacht und in seiner Allgüte dieses [vermag]. O, wie wünschte er seine Jugend-Jahre zurück; o, wie wünschte er sein Leben noch einmal beginnen zu können, — aber es war zu spät. — Er wurde unterbrochen in seinen Gedanken, denn die Räuber führten einen [Jüngling] zu ihm. Karl betrachtete ihn lange, dann sprach er: Freund, mir scheint, daß ihr nobel seid. Ihr gefallt mir, darum sage ich euch: Haltet euch fern von uns, kehrt zurück zu den Menschen, da eure Hände noch rein sind vom Blute.
Der Jüngling aber sprach: Ich bin ein böhmischer Edelmann und hatte reiche Ländereien und schöne Schlösser und, um mein Glück voll zu machen, ein Mädchen, das mich liebte, und in wenigen Tagen sollte sie mein Weib sein. Da ließ mich der Fürst des Landes in das Gefängnis werfen — ich hatte kein Unrecht [begangen] — und endlich, da man mich nach Monaten wieder frei machte, fand ich meine Braut nicht mehr. Der Fürst hatte ihr gedroht, daß ich sterben müsse, wenn sie nicht sein werden wolle; und sie, die Unglückliche, hatte sich selbst geopfert, um mein Leben zu retten. Auch meine Güter hat man mir geraubt. Nun sagt, Herr Graf von Moor, was bleibt mir, als der Kampf um mein Recht? Laßt mich bei euch, einen Unglücklichen bei den Unglücklichen, denn auch ihr seid nicht glücklich, wie ich sehe. Und Moor sprach: Du magst bleiben.
Durch diese Erzählung aber war in Moor wieder der Wunsch erwacht, seine Heimat und seine Geliebte zu sehen, und er befahl: Auf, auf nach Franken!