Barney Baldwin
der Mann mit dem gebrochenen Genick
ist für die medicinische Wissenschaft ein hochinteressantes Problem. Der jetzt etwa fünfundvierzig Jahre alte, kräftig gebaute Mann war Schaffner an der Chicago-Alton Railway und verunglückte als solcher im Jahre 1886, indem er beim Ueberschreiten der Plattform von einem Waggon zum anderen vom Zuge geworfen wurde.
Für todt gehalten, lebte er dennoch, trotzdem acht Rippen, der eine Arm zweimal, das rechte Bein unterhalb des Knies viermal und die Wirbelsäule des Halses gebrochen waren; auch der Schädel hatte über dem linken Auge einen bedeutenden Defect erlitten.
Angesichts dieses hochinteressanten »Falles« setzten die Aerzte ihre ganze Kunst daran, eine möglichst intensive Reconstruction dieser menschlichen Ruine zu ermöglichen, und dieses Vorhaben hatte günstigen Erfolg. Die Rippen-, Arm- und Beinbrüche wurden in althergebrachter Weise behandelt, der Defect des Schädels wurde durch eine grosse Silberplatte ausgeglichen und zur Unterstützung des gebrochenen Genicks wurde ein theilweise aus Eisenblech hergestelltes Corsett construirt, von dem aus eine Stahlstange, der Form des Hinterkopfes entsprechend gebogen, sich erhob. An dieser Stange, an deren Ende in der Mitte über dem Kopfe sich ein Haken befindet, hängt der Kopf an zwei dünnen Riemen, von denen der eine um die Stirn, der andere aber unter dem Kinn hindurch geht, die sich somit oberhalb der Schläfe kreuzen. (Siehe das Cliché.) Mit dieser Vorrichtung muss er auch schlafen. Werden die Riemen vom Kopfe entfernt, so fällt dieser wie leblos auf die Brust, Baldwin verliert die Besinnung und der ganze Körper verfällt in einen starrkrampfartigen Zustand; wird der Kopf dann wieder aufgehoben, so kehren auch die Besinnung sowie die Beweglichkeit der Glieder sofort zurück.
Baldwin ist in ganz Amerika als der »einzige lebende Mensch mit dem gebrochenen Genick« bekannt und zeigt sich heute noch öffentlich. In seiner Glanzperiode bezog er nicht selten eine wöchentliche Gage von dreihundert Dollar (etwa 1300 Mark), während er jetzt mit zwanzig bis dreissig Dollar per Woche gern zufrieden ist, da er, als zu bekannt, seine frühere Zugkraft verloren hat. Er hat ein grosses Vermögen an Gagen bezogen, lebte jedoch sehr splendid mit seiner Familie, so dass er jetzt mittellos dasteht und durch die kleinen Gagen einen nur kümmerlichen Lebensunterhalt erwirbt.
(Noch in den siebziger Jahren reiste in Deutschland ein bereits alter Mann, dessen Kopf ebenfalls in einer »Schwebe« hing, deren Construction der vorbeschriebenen im wesentlichen genau glich. Er war einst einer der berühmtesten »Spring-Clowns« seiner Zeit und von den grössten Kunstreiter-Gesellschaften ein begehrtes Mitglied. Einst landete er nach einem Sprunge so unglücklich, dass er die Wirbelsäule des Halses brach. Da aber das Rückenmark unverletzt geblieben, er somit lebensfähig, aber nicht nur für seinen früheren Beruf, sondern auch für jede andere Arbeit unfähig geworden war, so reiste er zur Zeit in Deutschland umher und verkaufte in Wirthschaften jeglicher Güte couvertirte »Planeten«, nachdem er die Gäste in kauderwelschem Deutsch mit seinem »Malheur« bekannt gemacht und ihnen die Maschine an seinem Körper, in der der Kopf hing, gezeigt hatte, um eine bescheidene Existenz fristen zu können. Leider kann der Name nicht mehr festgestellt werden, der in der Künstlerwelt einst einen hervorragenden Klang hatte.)