Die Federn, so er schnitte, gab er den Zuschauern zur Rarität auffzuheben, nachdem er damit zuvor diese Wort auff kleine Zettul geschrieben:

Ich Thomas hab diese Feder geschnitten, und dieses damit geschrieben, also gebohren ohne Hände und Füsse«. —

In directem Anschluss an diesen ausführlichen Bericht bringt das Werk noch folgende Notizen:

»Sonsten hat der berühmte Dänische Medicus Olaus Wormius in seiner »Kunstkammer oder Museo« (Wormii Museum seu historia rerum rariorum etc. 1655) pag. 387 noch einige andere Zettuln, welche von dergleichen Krüppeln geschrieben, nämlich einen von Joh. Kuhn, welcher an jeder Hand nur einen Finger hatte. Er schrieb den ganzen Kathechismus in deutscher Sprache auf Pergament und den Liebhabern folgende Zettul gar deutlich und leserlich:

Johann Kuhn werd ich genanndt,
Hab nur ein Finger an jeder Hand.

Und noch einen andern von einer Englischen Frau ohne Arm, welche mit dem Munde ihren Namen also schreiben konte:

ELISABETH SIMSON Anno 1620.

Dergleichen Weibsperson auch vor sechsundzwanzig Jahr (1688) zu Strassburg im Hospital, welche keine Hände hate, und mit den Füssen ihren und der Zuseher Nahmen in die Schnupptücher, so man ihr darreichte, nähen konte. —

Vorerwähnter Thomas hatte aber einen ebenbürtigen Rivalen; denn im Jahre 1712 liess sich in Breslau ein dreissigjähriger verheiratheter Rumpfkünstler Namens Mathias Buchinger sehen. Ein alter Chronist beschreibt ihn als »völlig von Gesicht und Leibe, munter von Gemüthe, spasshaft, doch auch ernsthaft, und sagte man, er habe sein Weib manchmal derbe ausgeschlagen«. Auf seinen Oberschenkeln, die zur Hälfte erhalten waren — die Arme fehlten gänzlich — bewegte er sich vorwärts und verrichtete mit ihnen wunderbare Dinge: Er schnitt Federn (Gänsefedern) mit grosser Geschicklichkeit und Geschwindigkeit, schrieb mit diesen schön und schnell »gleich und verkehrt, mit Zügen, Fractur, Kantzeley und Cursiv«. Auch zeichnete er mit grosser Behendigkeit und Accuratesse die verschiedensten Gegenstände. Ferner fädelte er einen Faden mit solcher Schnelligkeit ein, dass ihm Niemand darin mit den Händen gleichkommen konnte. Er mischte und spielte Karten mit grösster Vollkommenheit, spielte mit Würfeln, auf dem Schachbrett, Kegel u. s. w. Er lud ein Gewehr und schoss es los, er barbierte sich selbst, schnitzte allerhand Kunstartikel aus Holz und setzte sie kunstreich in gläserne Flaschen ein. Als Prestidigitateur kam er jedem normal Geborenen gleich; seine Specialität war hierbei das Becherspiel, bei dem er die Muscaten (aus Kork geschnitzte Kugeln in der Grösse kleiner Muscatnüsse, die dann leicht angebrannt und durch kreisförmiges Reiben in den Händen zu runden schwarzen Kugeln geformt wurden) in einen lebenden Vogel verwandelte. Auch mit Münzen machte Buchinger verschiedene Kunststücke, die allgemein bewundert wurden. Am Schlusse seiner Production präsentirte er sein Portrait in Kupferstich, um das herum seine besten Trics abgebildet waren. (Wohl zum Verkauf.)

Minder ausführlich sind die Nachrichten über einen ungarischen Rumpfkünstler, »einen vielgereisten Mann, der ausser seiner Muttersprache noch Englisch, Holländisch, Deutsch und Französisch sprach, und in einem etwa ellenhohen Kasten stets auf dem Buckel einer andern Person transportirt wurde. Er hatte keine Beine und nur eine verkrüppelte Hand«. Seine Erscheinung wird bei seinem Auftreten in Regensburg im October 1719 folgendermassen beschrieben: »Von Gesicht und Leibe war er wohlgestaltet, hatte schwarzbraune lange Haare, und wenn er hinter dem Tische auf einem Sessel stund, so präsentirte er sich als ein sitzender wohlgewachsener Mann; von Leibe war er mager und geschmeidig. Seine Stimme war ziemlich klar (hell, hoch) und weibisch, sein Humeur immer lustig, er schlug die Trommel vollendet, spielte aus der Tasche mit grosser Behendigkeit trotz einem jeden Taschenspieler«. Sein Haupttric war der Handstand auf einer Hand während mehrerer Minuten. —