Mit dem Gedanken an den freiwilligen Tod hatte sie immer gespielt. Wenn sie jetzt stürbe ... Sie besaß wohl einen Kreis von Menschen, die sie liebten. Sie würden um sie trauern, aber es gab keinen, der sie nicht entbehren könnte. Nicht einen, dem sie unersetzlich war, so daß sie um seinetwillen die Pflicht hätte, ihr Leben weiterzuschleppen. Die Mutter und Geschwister ... Wenn sie nicht erfahren würden, daß sie es selbst getan, so würde ihr Leid nach einem Jahre zu milder Trauer geworden sein. Cesca und Gunnar würden sie wohl am tiefsten betrauern, denn sie würden vielleicht verstehen, daß sie unglücklich gewesen war, aber sie stand ja nur an der Außenseite ihres Lebens. Derjenige, der sie am meisten liebte, würde vielleicht am tiefsten getroffen sein — aber ihm hatte sie ja nichts zu geben. So konnte er sie ja ebenso lieb haben, wenn sie tot war. Ja, er liebte sie, dessen Glück sie war, und dabei trug er das Glück als eine Macht in sich.

Wenn ihr selber wirklich diese Kraft fehlte, so half ihr nichts. Die Arbeit konnte sie nicht in dem Maße ausfüllen, daß ihre Sehnsucht nach einem Glücke schwieg. Und weshalb sollte sie dann leben, wenn es auch hieß, sie sei talentvoll. Niemand konnte soviel Freude daran haben, ihre Kunst zu schauen, wie sie dabei empfand, sie auszuüben. Aber diese Freude war nicht so groß, daß sie ihr nichts zu wünschen übrig ließ.

Es war auch nicht nur das, wovon Gunnar gesprochen: daß ihre Tugend sie peinigte, um brutal zu sprechen. Dem konnte leicht abgeholfen werden. Aber sie wagte nicht, diesen Schritt zu tun, aus Angst, daß ihre Sehnsucht einst in späteren Jahren ihr wahres Ziel finden könnte. Das wäre ja von allem das Schlimmste, mit einem Menschen im engsten Zusammenhang zu leben, und tief im Innern doch wieder einsam zu sein. O nein, nein. Einem Manne anzugehören, mit allen möglichen daraus folgenden Intimitäten, körperlichen wie seelischen — und dann eines Tages vielleicht zu entdecken, daß sie ihn nie gekannt, und daß er sie nie gekannt, daß der eine niemals ein Wort von des anderen Rede verstanden hatte —.

Ach nein. Sie wollte leben, weil sie noch auf etwas wartete. Sie wollte keinen Liebhaber, denn sie erwartete ihren Gebieter. Sie wollte auch nicht sterben, nicht jetzt, denn sie wartete.

Nein. Sie wollte ihr Leben noch nicht von sich werfen, weder auf die eine noch auf die andere Art. Sie konnte so nicht sterben — so arm, daß sie nicht ein einziges geliebtes Wesen besaß, dem sie Lebewohl sagen konnte. Sie wagte nicht, sie durfte doch hoffen, daß es einmal anders werde.

So mußte sie sich also mit der Malerei etwas ins Zeug legen. Sonst würde sie auf den Hund kommen, krank wie sie war vor Verliebtheit.

Sie lachte.

Das war es eben. Der Gegenstand war vorläufig nicht vorhanden, aber die Liebe, die war da.

Durch das schräge Fenster dunkelte der Himmel veilchenblau herein. Jenny sah hinaus. Die Schieferdächer, die Schornsteine und Telephondrähte, die ganze stille Welt dort draußen breitete sich, mit weißem Reif bedeckt, in der Dämmerung aus. Von den Straßen leuchtete ein rötlicher Schein auf und färbte den Frostnebel. Wagengerassel und das Kreischen der Straßenbahn klangen jetzt so hart auf der trockenen, gefrorenen Straße.

Sie hatte wenig Lust, nach Hause zu gehen und bei der Mutter zu essen. Aber so war es verabredet. Sie schraubte den Ofen zu, zog ihren Mantel an und ging.