„Wir können alle klettern. Aber nun muß ich heim. Ja. Guten Abend —“

Nach Tisch traf Leonore die Freunde auf dem Mauergärtlein. Klemens war sehr aufgeregt — er hatte das Buch des Studenten gefunden. In der Bibliothek war es in einem Schrank gewesen. Klemens brannte darauf, die Sachen den Freunden mitzuteilen.

Sie sahen das alte Schreibheft an, als wäre es ein Mysterienbuch. In Kapellendorf, hier an dieser Stelle hatte jemand die aufregendsten Dinge erlebt. Eine geheimnisvolle Geburt — eine unglückliche Liebe. Und nun wußte niemand mehr, wohin der Träger dieser Geschehnisse gegangen war. Nur dieses schwarze Heft zeugte noch von seiner Existenz.

Sie blätterten darin: Zigaretten 1,80 Mark, eine Krawatte 2,50 Mark, Bücher 0,50 Mark. — O — es war ein Ausgabebuch? Ja, wirklich, außer solchen Notizen fand sich nur ein schwulstiges Gedicht. Und einige Briefmarken. Eine Thurn und Taxis von gelber Farbe, eine grüne Bayern zu zwölf Kreuzern und ein Wertstück des Kirchenstaates, zweifarbig und so neu, daß es niemand über seine Unechtheit zu täuschen vermochte.

„Ich nehme den Kirchenstaat, wenn wir teilen,“ erbot sich Graf Kurtzen großmütig. Denn er hatte Freude an dem Gedicht. Er nahm das Buch, lehnte sich an die Mauer und sagte: „Meine Herrschaften, ich gestatte mir, Ihnen etwas zu deklamieren.“ Und mit grollender Knabenstimme begann er zu lesen:

Wie rot diese Mitternacht ist.

Dein Schloß erglüht wie der heilige Gral,

Mein Wille fliegt über brennende Täler,

Mein Herz ist ein einziges Wundenmal,

Der Weltenbrand unser Vermähler.