Das andere — o, du verzeihst mir doch, du geliebter Mensch, daß ich in dieser Nacht nicht allein an dich denke? Du, du bist noch unter diesem Dach — und mein Herz zittert nach dir — lauter als alle Gedanken ruft es.

Du — du bist noch unter diesem Dach — und ich habe deine Schönheit gesehen, ich habe sie getrunken — deine holde, wilde, sanfte, frühlingsstarke Seele habe ich gefühlt. Es brennt durch mein Blut — da bist du, du wilder Vogel, der lachend und leuchtend über Meere zieht. Ich liebe dich — ich liebe dich, ich will dich noch einmal sehen und sterben.

Die Nacht ist lang — bis die Turmuhr wieder eine Stunde schlägt, ist noch ein ganzes Leben — mit dir gehen und die Welt jung sehen — mit dir gehen und die Welt entbrennen sehen von unserer Liebe. Mit dir — mit dir

Habe ich denn gelebt bis zu diesem einzigen Augenblick? Bis zu diesem niegewesenen Tag? O, ich wußte ja nichts. Ich war ja so arm. Ich habe geküßt und von Liebe geredet und wußte nichts. Und nun weiß ich — komm zu mir, ich muß es dir sagen.

Siehst du das Frührot hinter den Bergen? Hörst du den Lockruf lieberotester Liebe? Komm zu mir, komm, du geliebter Mensch, komm, erlöse mich mit deinem brennend roten Mund. Wie ein Jahrtausend muß mit dir das Glück sein, so glühend von großen Taten.

Die Turmuhr schlug. Die zweite Stunde des ruhenden Tages schlug sie. Tönte sie herüber aus mahnenden Vergangenheiten? Es ist ja nichts, als daß ich leben will, als daß ich selig bin — als daß der Tod mir das größte Wort, das heiligste Geschehnis wäre, führte sein Weg mit dir — mit dir —

So schwer und bang und glühend ist die Nacht. — Leonore — wie wird dein neuer Tag sein?

Ende.


Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt