Er sah mich zitternd an wie in Furcht vor einem Schlag. Und dann sagte er — er nannte keinen Namen ... woher ist in solch einem niedern Wesen mit einmal so viel Wissen, wie kommt es, daß in manchen Sekunden ein unbeschreibliches Zartgefühl derlei ganz dumpfe Menschen beseelt? ... dann sagte er ... ganz, ganz ängstlich ... „Er ist es.“

Ich fuhr auf, verstand sofort und war sofort ganz Gier, ganz Ungeduld nach diesem Unbekannten. Denn sehen Sie, wie sonderbar ... inmitten all dieser Qual, in diesem Fieber von Verlangen, von Angst und Hast hatte ich ganz an ‚ihn‘ vergessen ... vergessen, daß da noch ein Mann im Spiele war ... der Mann, den diese Frau geliebt, dem sie leidenschaftlich das gegeben, was sie mir verweigert ... Vor zwölf, vor vierundzwanzig Stunden hätte ich diesen Mann noch gehaßt, ihn noch zerfleischen können ... Jetzt ... ich kann, ich kann Ihnen nicht schildern, wie es mich jagte, ihn zu sehen ... ihn ... zu lieben, weil sie ihn geliebt.

Mit einem Ruck war ich bei der Tür. Ein junger, ganz junger blonder Offizier stand dort, sehr linkisch, sehr schmal, sehr blaß. Wie ein Kind sah er aus, so ... so rührend jung ... und unsäglich erschütterte michs gleich, wie er sich mühte, Mann zu sein, Haltung zu zeigen ... seine Erregung zu verbergen ... Ich sah sofort, daß seine Hände zitterten, als er zur Mütze fuhr ... Am liebsten hätte ich ihn umarmt ... weil er ganz so war, wie ich mirs wünschte, daß der Mann sein sollte, der diese Frau besessen ... kein Verführer, kein Hochmütiger ... nein, ein halbes Kind, ein reines, zärtliches Wesen, dem sie sich geschenkt.

Ganz befangen stand der junge Mensch vor mir. Mein gieriger Blick, mein leidenschaftlicher Aufsprung machten ihn noch mehr verwirrt. Das kleine Schnurrbärtchen über der Lippe zuckte verräterisch ... dieser junge Offizier, dies Kind mußte sich bezwingen, um nicht herauszuschluchzen.

„Verzeihen Sie,“ sagte er dann endlich, „ich hätte gerne Frau ... gerne noch ... gesehen.“

Unbewußt, ganz ohne es zu wollen, legte ich ihm, dem Fremden, meinen Arm um die Schulter, führte ihn, wie man einen Kranken führt. Er sah mich erstaunt an mit einem unendlich warmen und dankbaren Blick ... irgendein Verstehen unserer Gemeinschaft war schon in dieser Sekunde zwischen uns beiden ... Wir gingen zu der Toten ... Sie lag da, weiß, in den weißen Linnen — ich spürte, daß meine Nähe ihn noch bedrückte ... so trat ich zurück, um ihn allein zu lassen mit ihr. Er ging langsam näher mit ... mit so zuckenden, ziehenden Schritten ... an seinen Schultern sah ichs, wie es in ihm wühlte und riß ... er ging so wie ... wie einer, der gegen einen ungeheuren Sturm geht ... Und plötzlich brach er vor dem Bett in die Knie ... genau so, wie ich hingebrochen war.

Ich sprang sofort vor, hob ihn empor und führte ihn zu einem Sessel. Er schämte sich nicht mehr, sondern schluchzte seine Qual heraus. Ich vermochte nichts zu sagen — nur mit der Hand strich ich ihm unbewußt über sein blondes, kindlich weiches Haar. Er griff nach meiner Hand ... ganz lind und doch ängstlich ... und mit einemmal fühlte ich seinen Blick an mir hängen ...

„Sagen Sie mir die Wahrheit, Doktor,“ stammelte er, „hat sie selbst Hand an sich gelegt?“

„Nein,“ sagte ich.

„Und ist ... ich meine ... ist irgend ... irgend jemand schuld an ihrem Tode?“