»Es ist fertig, Esther,« sagte er mit einem leisen Lächeln, »und sogar schon lange. Nächster Tage werde ich es übergeben.«

Sie wurde blaß. Eine böse Ahnung befiel sie, die sie nicht auszudenken wagte. Ganz leise und verschüchtert fragte sie. »Und ich darf dann nicht mehr zu Euch kommen?«

Er streckte ihr beide Hände entgegen. Es war die alte milde bezwingende Gebärde, die sie immer wieder gefangen nahm. »So oft du willst, mein Kind. Und je öfter, desto lieber. Du siehst ja, daß ich hier einsam bin in meiner alten Stube und, wenn du da bist, dann ist es allein fröhlich und hell den ganzen Tag. Komm oft, recht oft, Esther.«

Ihre ganze alte Liebe zu diesem Manne flutete auf, wie wenn sie nun alle Dämme überrauschen wollte und sich in Worten ergießen. Wie groß und gut war er! War seine Seele nicht wahr und die des Kindes nur ihr eigener Traum? Ihr Vertrauen war wieder groß in diesem Augenblick, aber der Gedanke ihres Lebens hing noch lastend über dieser reifenden Saat wie eine Gewitterwolke. Der Gedanke an das Kind peinigte sie. Sie wollte diese Qual unterdrücken, sie preßte das Wort immer hinab und hinab, aber es quoll auf, ein wilder verzweifelter Schrei. »Und das Kind.«

Der alte Mann schwieg. Aber seine Züge wurden härter, beinahe unbarmherzig. Daß sie in diesem Augenblicke, da er ganz ihre Seele sein Eigen hoffte, seiner vergaß, das stieß ihn zurück wie ein zorniger Arm. Kalt und gleichgültig sagte er: »Das Kind ist fort.«

Er fühlte ihre Blicke gierig und in einer rasenden Verzweiflung an seinem Munde hangen. Aber die finstere Gewalt in ihm zwang ihn, trotzig und grausam zu sein. Er fügte nichts hinzu. In diesem Augenblicke haßte er dieses Mädchen, das so undankbar die viele Liebe vergaß, die sie von ihm empfangen, und der gütige und so milde Mensch empfand die Wollust einer Sekunde, sie zu quälen. Doch es war nur ein flüchtiger Moment der Schwäche und eigenen Verneinung, der wie eine einsame Welle in diesem unendlichen Meere der sanften Klärung verrann. Und, von dem Bangen ihres Blickes mit Mitleid erfüllt, wandte er sich ab.

Aber sie ertrug nicht dieses Schweigen. Mit wilder Gebärde stürzte sie an seine Brust und umklammerte ihn schluchzend und stöhnend. Nie brannte größere Qual in ihr, als in den verzweifelten Worten, die sie weinte und schrie. »Ich muß es wieder haben, das Kind, mein Kind. Ich kann nicht anders leben, es ist ja das einzige kleine Glück, das man mir stiehlt. Warum wollt Ihr mir es nehmen?.... Ich war schlecht gegen Euch, aber verzeiht und laßt mir das Kind. Wo ist es? Sagt es mir! Sagt es mir! Ich muß es wieder haben.....«

Ihre Worte verschlugen sich in ein tonloses Schluchzen. Tieferschüttert beugte sich der alte Mann über sie herab, die in langsam erschlaffendem Krampfe weinend seine Brust umklammerte und tiefer und tiefer herabsank wie eine ersterbende Blüte. Sanft strich er über dieses lange, dunkle, gelöste Haar. »Sei klug, Esther! Und weine nicht. Das Kind ist fort, aber....«

»Es ist nicht wahr, nein, es ist nicht wahr,« fuhr sie empor.

»Es ist wahr, Esther. Seine Mutter hat das Land verlassen. Die Zeiten sind schwer für die Fremden und die Ketzer, aber auch für die Fürchtigen und Treuen. Nach Frankreich sind sie oder nach England. Aber warum willst du verzagen .... sei doch klug, Esther ..... warte ein paar Tage .... es wird alles wieder gut werden...«