JEREMIAS (immer frenetischer):
Alles Haupt ist geschoren,
Aller Bart ist geschnitten,
In Säcken gehen die Mütter und reißen
Mit Nägeln sich rot das Fleisch von den Wangen:
Wo sind meine Söhne? Wo sind meine Töchter?
Doch wehe! Es liegen wie Kot in den Gassen
Die Leichen der Knaben, erwürgt von den Knechten,
Die Frauen, erdrosselt im Strang ihrer Haare,
Die Schwangern zerhaun mitsamt ihrer Frucht.
Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Fülle,
Und die Schakale der Wüste sind satt.
ZEDEKIA:
Schweig still! Schweig still! Du lügst!
JEREMIAS:
Was hilft es zu flüchten in die Geklüfte,
In brennenden Steinriß, in tiefes Gestrüpp?
Sie jagen dir nach mit Rossen und Meuten,
Sie treiben dich aus mit Räuchern und Bränden,
Sie fassen dich an und fassen dich doch!
Sie treiben das Volk mit dem Stecken des Treibers,
Sie schwächen die Frauen, sie schlagen die Greise,
Die Tochter des Königs wird Magd seiner Mägde
Und Sklave der Sklaven der rechtliche Mann.
ZEDEKIA:
Kein Wort mehr, du Lügner, bei meinem Zorn!
JEREMIAS (aufklagend):
Oh, Jerusalem, Jungfrau und Gotteskind,
Geschmäht und geschwächt vom Hohne der Heiden,
Oh wehe, daß ich dich so schauen muß!
Alle deine Neider sind voll jetzt des Lachens,
Sie blecken die Zähne und lachen betulich:
„Ei, wie haben wir diese erniedrigt,
Wie ward willfährig die Stolze, die Schöne!
Das ist der Tag, des wir haben begehret,
Wir habens erlanget,
Wir habens erlebt!“