Schweiget, ihr Brüder ... nicht rühmet mich ... beschämet mich nicht ... ich habe nicht Anteil daran. Wohl ist ein Wunder geschehen, doch nicht ich habe es vollbracht – an mir, ihr Brüder, ist es geschehen. Ihr Brüder, ihr Brüder, ich sage euch, ein Großes hat Gott in dieser Stunde an mir getan. Ich habe gefluchet meinem Gotte und ihn getötet in meiner Seele. Doch, meine Brüder, meine Brüder, ehe der Atem noch kalt war in meinem Munde, ist er mir auferstanden. Er riß mir das Herz aus dem Leibe, daß ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Stoß, aber ein steinernes Herz war es, das er von mir riß, und ein fleischernes hat er mir nun eingetan, daß ich fühle alles Leiden und alles Leidens Sinn. Oh, ihr Brüder, ihr Brüder, schauet das Wunder, das an mir geschehen: ich habe Gott gefluchet, und er hat mich gesegnet, ich habe ihn geflohen, und er hat mich gefunden, ich wollte ihm entweichen, und er hat mich erreichet. Denn es ist kein Entweichen vor seiner Liebe und kein Obsiegen wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brüder, und nichts ist süßer, als von ihm besiegt zu sein.
DER ÄLTESTE (ekstatisch):
Jeremias ... oh, Jeremias ... uns allen möge er tuen wie dir!
JEREMIAS:
Oh, daß ich so spät ihn erkannte, so spät euch fand, meine Brüder! Doch ich will nicht klagen mehr. Ich will nur mehr danken, ich will nicht fluchen mehr, ich will nur mehr segnen. Dunkel liegt vor uns die Stadt, dunkel unser Schicksal, aber, meine Brüder, vertrauen wir, denn wunderbar ist das Leben, heilig die irdische Erde. In Liebe will ich umfassen, die ich im Zorne getreten, und die ich bespien mit meinem Fluche, will ich tränken mit meinen Tränen. Nimm, Erde, du geschmähte, gütig meine demütigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, gnädig mein gläubiges Wort!
(Er kniet nieder und spricht wie ein Gebet:)
Ich danke dir, Herr, daß du so lind mir begegnet,
Als ich mich wehrte und von dir gekehrt,
Ich hab dir geflucht, und du hast mich gesegnet,
So segn ich, solang mir mein Leben währt.
Ich segne dich, daß du das würzige Brot
Des Wortes in meine Lippen getan,
Damit ich dich preise in Leben und Tod,
Ich segne dich, daß du mir wecktest den Geist,
Der die Welten mit Liebe durchgütet und speist.
Ich segne dich, daß du so hart mich gefaßt
Und im Zorn vor dein Antlitz getrieben hast,
Und ich segne dich, Gottes Gabe, dich Leid,
Daß du läuternd die Seelen der Menschen durchdringst
Und flammend mit deiner Allfältigkeit
Ihre Einsamkeit einst, ihre Fremde bezwingst,
Und ich segne dich, Gott, der es im Sturm uns gesendet,
Der du mit Qualen beginnst und mit Seligkeit endest,
Der die Suchenden führt und die Fliehenden findet,
Dem jeder entweicht und dem sich keiner entwindet,
Der dem Niedersten sich als der Gnädigste gibt
Und den Sündigsten um seiner Sünden liebt,
Selig, der sich an dich verloren,
Selig, den du dir auserkoren,
Selig der Himmel, der dich rauschend umstellt,
Selig dein lauschender Spiegel, die Welt,
Selig die Sterne, die sie strahlend umschweben,
Selig der Tod und selig das Leben!
BARUCH (auf die Knie zu dem Knienden stürzend):
Jeremias, mein Meister, Jeremias! Nicht uns allein lasse leuchten dein Wort. Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in Ängsten, ihre Seele lischt in Zagen und Klagen. Sie wollen sterben und vergehen um Jerusalems willen. Meister, mein Meister, gib ihnen Leben, gib ihnen Gott zurück! Richte auf die Verzagten, und die Durstigen tränke mit den Wassern des Lebens!
DER ÄLTESTE: