‚Keine Zeit mehr zu verlieren‘, sagte sich der Chevalier. ‚Warte ich hier den Tag ab, um dann in irgendein Haus zu treten, so hat Rochegude davon sofort Nachricht. In diesen Provinzstädten kennt einer den andern, besonders unter den Leuten gleichen Standes.‘
Der arme Chevalier machte sich also auf die Suche, sehr behindert von seiner Person und nicht wissend, wohin sich eigentlich wenden. Eine tiefe Stille lag in allen Gassen, die er durchschritt, und nicht minder tief war die Dunkelheit.
358‚Ich zieh mich aus dieser Geschichte nicht heraus. Morgen abend sitze ich im Fort Trompette; daraus entweicht keiner mehr.‘
Da erblickte er in einiger Entfernung ein Haus, in dem Licht war.
‚Und wenn's der Teufel selber wäre,‘ sagte sich der Chevalier, ‚ich muß mit den Leuten da drin sprechen.‘
Als er näher kam, vernahm er Lärm. Er lauschte und suchte zu erraten, um was es sich handle. Da flog eine kleine Pforte auf, und ein breiter Lichtstrom fiel über die Gasse und noch das gegenüberliegende Haus hinauf. In dem Licht stand ein prächtig gekleideter, junger, sehr schöner Mensch, den Degen in der Faust; er sah verärgert aus, aber nicht wütend, oder es war die hinter Verärgertheit maskierte Wut eines Gecken. Die Leute seiner Umgebung hatten das Wesen von Untergebenen und schienen ihn beschwichtigen zu wollen, wobei sie ihn Herr Graf nannten.
Saint-Ismier war noch etwa zwanzig Schritte von der hellen Pforte entfernt, als der junge schöne Mann, der etwa eine halbe Minute in der Türschwelle wie zögernd gestanden hatte, plötzlich und immer wie einer, der, um dafür bewundert zu werden, Wut zeigt, schreiend und fluchend und immerzu mit dem Degen fuchtelnd in die Gasse hinausging, gefolgt von einem, prächtig gekleidet wie er. Saint-Ismier sah auf die beiden, als er von dem ersten bemerkt wurde, den man Herr Graf nannte. Alsbald stürzte der Graf auf Saint-Ismier los und wollte ihm mit einem Fluche den Degen durch das Gesicht ziehen. Saint-Ismier, auf solchen Angriff nicht im mindesten gefaßt, hatte gerade eine Höflichkeit überlegt, die er dem jungen Manne sagen wollte mit der Frage, wo das Haus Miossens läge. Heiteren Wesens hatte er seinem 359Körper schon jenes liebenswürdige Balancieren eines Chevaliers gegeben, der den Weinen des Landes herzhaft zugesprochen, denn er fand es so lustiger wie sicherer, den Edelmann anzusprechen wie ein leicht Trunkener. Er gab seinen Lippen schon das Lächeln der Liebenswürdigkeit, mit der er beeindrucken wollte, als er den ihm bestimmten Hieb des Grafen vor seinen Augen sah. Und er fühlte dessen ganze Schwere auf den rechten Arm niedersausen, mit dem er sein Gesicht deckte.
Er tat einen Sprung nach rückwärts.
‚Ich habe einen Schlag bekommen‘, sagte er sich und Wut stieg ihm rot ins Gesicht. Er ging heftig den frechen Burschen an.
„Also du willst mehr davon,“ rief der Graf, „nur zu, das ist's ja, was ich wollte. Du sollst deine Schläge haben.“ Und er warf sich mit toller Kühnheit auf Saint-Ismier.