Diese italische Eitelkeit ist so sehr verschieden und so sehr viel schwächer als unsere französische, und dies hat mich darauf geführt, die nachfolgenden Klatschgeschichten abschreiben zu lassen. Meine Vorliebe für diese Geschichten dürfte jeden meiner französischen Zeitgenossen spaßig und gesucht vorkommen, die gewohnt sind, ihr literarisches Vergnügen und das Abbild des menschlichen Herzens in Werken wie denen der Herrn Villmain und Delavigne zu suchen. Dessen bin ich sicher, daß das heutige England, Deutschland und Frankreich viel zu zerfressen sind von Affektiertheit und aller Art Eitelkeit, als daß sie imstande wären, ein so scharfes Licht in die Tiefen des menschlichen Herzens zu werfen, wie es diese alten italienischen Berichte tun.

Ich muß gestehen, daß ich sehr wenig neugierig bin auf die Denk- und Lebensgewohnheiten der Bewohner von Ceylon oder von Neu-Holland. Diese Völker sind allzuverschieden von den Menschen, die meine Freunde und Nebenbuhler waren. Sie bringen mich zum Gähnen wie die Achille, und Agamemnone und die Helden Racines: ich kenne diese Herrschaften nicht. Aber ich schmeichle mir, die Franzosen und die Italiener meiner 381Zeit zu kennen; ich liebe das, was das Herz des Menschen darstellt, aber des Menschen, den ich kenne.

Rom, Palazzo Cavalieri

24. April 1833.

Man wird in dem Folgenden keine komponierten Landschaften finden, sondern wahrhafte Naturansichten. Die Wahrheit muß hier für alle sonstigen Vorzüge stehen; aber wir leben in einer Zeit, der die Wahrheit nicht genügt und die sie nicht genug pikant findet. Die sich in dieser Verfassung Geistes befinden, denen rate ich, jede Woche nur eine der folgenden Geschichten zu lesen, deren Sprache ich liebe; es ist die des Volkes, voller Pleonasmen und alle schrecklichen Dinge bei ihrem schrecklichen Namen nennend. Aber gerade dadurch schildert der Erzähler unbewußt sein Jahrhundert und dessen gemeinübliche Denkweise.

Die mehreren dieser Geschichten sind wenige Tage nach dem Tode der armen Teufel niedergeschrieben worden, von denen sie Bericht geben. Meine Korrekturen versuchten, die Sprache etwas weniger dunkel zu machen, damit ich nicht schon beim dritten Lesen die Geduld verliere. Es ist ja überhaupt die Dunkelheit ein großer Fehler des Italienischen oder vielmehr der acht oder zehn italienischen Sprachen, von denen keine ihre Rivalinnen besiegt hat, so wie die Sprache von Paris die Montaignes getötet hat. So sagt man in Rom: vi vedrò domani al giorno, was in Florenz kein Mensch verstünde. Ich persönlich läse lieber eine Geschichte in englischer als in italienischer Sprache, sie wäre mir deutlicher.

Nur ein Volk, in dem die Stärke des unmittelbaren Eindruckes, wie in Neapel, und die Stärke der vom 382Geiste ohne Pause geförderten Leidenschaft, wie in Rom, so bedeutend war, vermochte es, in solch hohem Maße Affektiertheit und Eitelkeit zu unterdrücken oder auszuschalten. Ich bin nicht sicher, ob man außerhalb Italiens — und Spaniens vor der Unnatur des 19. Jahrhunderts — eine Epoche fände, kultivierter und interessanter als die der Riccaras, von denen Franklin berichtet, und doch wieder so sehr ohne Eitelkeit, daß das menschliche Herz fast bloß liegt. In diesem Jahre 1833 kann ich feststellen, daß man in Frankreich und besonders in England Totschlag vorwiegend des Geldes wegen begeht. Aber von den beiden armen Teufeln, die vorgestern hier hingerichtet wurden, hat der dreiundzwanzigjährige Vivaldi seine Frau umgebracht, weil er eine andere liebte, und der zweite, siebenundzwanzigjährig, hatte aus politischen Gründen einen Arzt erschossen, der wahrscheinlich ein Vaterlandsverräter war. Von Geldinteressen keine Spur.

Rom, 15. Mai 1833.

DER KARDINAL ALDOBRANDINI

I.